KW 24/2026: Zverev, Shrinking, The Long Walk, CQ Wrestling und der Start in die WM
Happy Sunday!
Es ist hoffentlich noch nicht zu spät, um Alexander Zverev zu seinem großen, sportlichen Erfolg zu gratulieren: Dem Gewinn der traditionsreichen French Open! Er ist damit der erste deutsche männliche Tennisspieler, der das Turnier in seiner modernen Form überhaupt gewinnen konnte, der erste deutsche Sieger eines Grand Slam Turniers seit Angelique Kerber (Wimbledon 2018) und der erste Mann seit Boris Becker (Australian Open 1996). Trotz seiner Diabetes-Erkrankung hat er im Profi-Tennissport nun neben seiner Goldmedaille bei den Olympischen Spielen 2020 und dem zweimaligen Gewinn der ATP-Finals jetzt auch diesen Triumph geschafft. Am vergangenen Sonntag lieferte er sich im Finale ein packendes Duell gegen den jungen Italiener Flavio Cobolli – der zuvor im Halbfinale kampflos gewann – über fünf Sätze. So mitgefiebert bei einem Tennis-Match hatte ich lange nicht mehr. Beide Spieler sah ich im April noch bei ihrem Auftritt bei den BMW Open. Auch wenn Zverev privat zu Recht umstritten ist, hat er sich diesen sportlichen Erfolg über die letzten Jahren hinweg wirklich redlich verdient (siehe dazu auch die Einordnung bei Blick über den Teich).
Und damit weiter zum medialen Wochenrückblick, der aus aktuellem Anlass recht sportlastig ist.

Gesehene Spiele: 4 von 8 WM-Spielen = 50% (WM 2022: 50% / WM 2018: 70%).
- Die größte WM aller Zeiten: Das ist sie wohl zweifelsfrei. Nie gab es mehr Teilnehmer, nie gab es mehr Spiele, nie gab es mehr Spielorte, nie gab es mehr Gastgeber, nie gab es mehr Treibhausgasemissionen. Vermutlich wird auch nie eine WM zuvor mehr Umsatz generiert haben.
- Die größten Bedenken: Lange hatte ich wirklich keine Lust auf diese WM. Es gibt auch einfach genug, was man daran kritisieren kann oder schlicht muss. Es sind zu viele Teams, die das Niveau verwässern. Exotische Farbtupfer schön und gut und dass alle Regionen der Erde vertreten sind, ist auch gut und zeigt die globale Beliebtheit des Sports. Aber welchen Wert haben die Spiele der Vorrunde, wenn 32 von 48 Teams weiter kommen? 104 Spiele sind es insgesamt, davon sind in Deutschland 44 exklusiv nur im Pay-TV bei Magenta zu sehen. Die FIFA, die immer mehr als losgelöster Schurkenstaat der Welt nach ihren eigenen moralischen Grundsätzen agiert. Die Gastgeber: Kartell-Gewalt und soziale Konflikte in Mexiko. Donald Trump in den USA. Kanada, so nett und schön das Land auch ist, aber völlig ohne Fußball-Tradition. Wahnsinnige Ticketpreise. Wahnsinnige Preise rund um die Stadien in den Gastgeberstädten. Die peinliche Posse um Manuel Neuer. Julian Nagelsmann, dem man wünschen würde, er würde sich öfter von den Mikrofonen der Presse fernhalten. Und dann gibt es noch nicht einmal die traditionelle Kooperation des DfB mit den Village People? Was soll das alles? Ich war wirklich kurz davor, die ganze WM für mich einfach sausen zu lassen.
- Willkommenskultur: „Es ist offensichtlich, dass alle Teams, Funktionäre und Fans Zugang zum Ausrichterland haben müssen. Sonst gibt es keine WM, das ist klar“, so FIFA Chef Infantino im Jahr 2017 (Zitat laut Sportschau.de). Omar Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres 2025, darf nicht einreisen, obwohl er von der FIFA für das Turnier berufen wurde. Er ist Somalier. Das Team aus dem Iran, dessen Heimatland von WM-Gastgeber unter FIFA-Friedenspreisträger Trump offensiv angegriffen wird, darf sich nicht länger als unbedingt nötig im Land aufhalten. Fans von vier Teilnehmerländern dürfen nicht in die USA einreisen, unter anderem die vom deutschen Gruppengegner Elfenbeinküste. Die WM 2006 stand unter dem Motto „Die Welt zu Gast bei Freunden.“ Selbst Russland und Katar haben versucht, ein guter Gastgeber zu sein und mit Offenheit ihren Gäste ein positives Bild ihres Landes zu vermitteln – die Abgründe im Hintergrund sind bekannt. Ganz anders die USA. Sie laden die Welt zu sich nach Hause ein und behandeln sie dann so?
- Doch dabei: Ohne die WM geht es dann doch nicht. Eskapismus vom Alltag und der traurigen Nachrichtenlage mit einem Event, das zumindest den Anschein erweckt, als würde sie den Globus zusammen halten. Die WM schaut man gemeinsam, unabhängig davon, welchen Teilnehmer man unterstüzt. Sie hat damit einen deutlich positiveren Grundton als der triste Liga-Alltag, der ja leider sehr von einem wir-gegen-die Gefühl geprägt ist. Die WM ist die Nabelschau der Fußball-Welt, die Bekanntschaft mit anderen Fußball- und Fan-Kulturen. Wie habe ich es neulich irgendwo gelesen? Man ist nie so nah am Weltfrieden, wie während einer Fußball-WM. Dieses Gemeinschaftsgefühl darf man sich nicht von der FIFA, vom Kapitalismus und von Systemen, die den Fußball für Sportswashing missbrauchen, kaputt machen lassen. Der Fußball als simples Spiel, ohne hohe Zugangshürden, muss stärker sein. Selbst wenn Partien wie Katar gegen Schweiz es einem manchmal schwer machen, kann auch solch ein Spiel mit einem überraschenden Knall zu Ende gehen.
- Design: Immerhin, das On-Air Design mit den bunten Farben und den klaren Formen gefällt mir ganz gut.
- Norwegen: Spektakulär waren die Teamfotos, die die Welt aus Norwegen erreichten. Anlässlich ihrer Fahrt nach Nordamerika posierte das gesamte Team in tradioneller Kleidung als Wikinger vor einer eindrucksvollen Kulisse in den Fjörden. Als wäre Erling Haarland nicht auch so schon wild genug! Das Foto gibt es eigentlich überall zu sehen, wie zum Beispiel hier auf der Seite des norwegischen Fußballverbandes (KLICK).
- Mexiko – Südafrika: WM-Auftaktspiele sind oft nicht schön. Dieses Spiel steht gut in dieser Tradition. Co-Gastgeber Mexiko kommt zu einem ungefährdeten Auftaktsieg. Wenn überhaupt, dann wird das ereignisarme Spiel wohl vor allem wegen der drei Platzverweise in Erinnerung bleiben. Und wegen der tollen Stimmung in und um das Stadion herum. Scheint so, als wäre Mexiko alleine für die notwendige Atmosphäre bei diesem Turnier verantwortlich!
- Rückblick auf die WM 2006: In meinen Beitrag zum Sommermärchen vom vergangenen Dienstag hatte ich im Vorfeld einige Zeit und Arbeit gesteckt. Um so mehr freut es mich, dass der Beitrag bereits am Veröffentlichungstag zum meistgeklickten Artikel des bisherigen Jahres geworden ist und das – soweit ich es beurteilen kann – ganz ohne Bots oder ähnlichen Sachen. Eine geschickte Verlinkung in einem Sport-Blog hat dabei sehr geholfen. Gleichzeitig hat der Beitrag direkt am Dienstag super viele Likes bekommen und das eigentlich nur vom hiesigen Stammpublikum. Vielen Dank dafür! Wenn ich eine Motivationsspritze gebraucht hätte – das war sie!

Shrinking (Staffel 3, 11 Folgen, USA, Apple TV) – 8 von 10
Nach der fantastischen zweiten Staffel (9/10) musste ich natürlich auch recht zügig die dritte Staffel sehen. In dieser werden die Weichen in Richtung Zukunft gestellt: Während Psychotherapeutin Gaby Evans (Jessica Williams) sich über die nächsten Schritte in ihrer Karriere und ihrem Privatleben Gedanken machen muss, muss sich Dr. Paul Rhodes (Harrison Ford) aufgrund seiner Krankheit eher mit dem Ende seiner beruflichen Laufbahn beschäftigen. Für Alice (Lukita Maxwell) zeichnet sich eine Zukunft an einem College ab und auch bei Sean (Luke Tennie) könnte der Food Truck nur der erste Schritt gewesen sein. Und bei Jimmy (Jason Segel), dem Bindeglied zwischen all den Figuren? Der scheint weiter in der Vergangenheit gefangen zu sein und alleine zurück zu bleiben. Auch diese Staffel funktioniert in ihrem Mix zwischen Comedy und Drama ausgesprochen gut und lebt vom herzlichen miteinander seiner Figuren. Sie kann das hohe Niveau der Serie weiter halten, auch wenn in dieser Staffel der große Wow-Effekt etwas ausbleibt und sie aufpassen muss, nicht zu soapig zu werden. Die Gaststars in dieser Staffel haben es übrigens in sich. Nicht nur, dass Cobie Smulders wieder ihre bekannte Rolle aufnimmt, sondern es zeigen sich auch noch Jeff Daniels als Jimmys Vater und niemand geringeres als Michael J. Fox.

The Long Walk – Todesmarsch (Regie: Francis Lawrence, USA, 2025, Sky Cinema) – 7 von 10
In einer nicht näher bestimmten dystopischen Welt müssen 50 Jugendliche in einem Wettkampf gegeneinander antreten. Sie müssen so lange laufen, bis es nur noch einen Überlebenden gibt. Der Film basiert auf einem Roman von Stephen King, der einen schier unendlichen Fundus bietet. Von der Ausgangslage mit den Jugendlichen, dem Wettbewerb um Leben und Tod und der medialen Aufmerksamkeit, erinnert der Film stark an die Die Tribute von Panem Reihe. Passend also, dass man mit Francis Lawrence einem Veteranen des Franchises die Regie übertragen hat. Man muss bei der Ausgangsidee einiges akzeptieren. Die ausschließlich männlichen Teilnehmer sollen einfach nur marschieren, als wäre es eine Red Bull Challenge, nur mit strengen und tödlichen Regeln? Ohne (Toiletten-)Pause, ohne externe Verpflegung, aber Wasser bekommen sie gestellt? Die mediale Aufmerksamkeit, den dieser Wettbewerb erhält, wird immer nur behauptet. Weder spielen die beobachtenden Kameras eine Rolle, noch sehen wir jemanden, der sich das anschaut? Und dann haben die Protagonisten bei all den Strapazen auch noch die Luft, um die ganze Zeit zu reden und zu reden und sich anzufreunden, obwohl ja alle wissen, es wird nur einen von ihnen überleben können? Es wäre ein leichtes, den Film zu zerreißen. Doch er entfaltet im Laufe seiner Spielzeit doch noch einen immer stärkeren Sog, getragen vor allem durch die beiden Darsteller Cooper Hoffman (Sohn von Philip Seymour Hoffman) und David Jonsson, aber auch durch die guten Bilder, die den montonen Wettbewerb recht dynamisch einfangen. Der Film tut gut daran, die dystopische Welt nur bruchstückhaft zu beschreiben. Ein paar mehr Hintergründe zu den Figuren und deren Motivation, sich diesem Wettbewerb zu stellen, hätten aber nicht geschadet.

Unter der Woche war ich nur für meinen Bürotag unterwegs, bis auf eine 15minütige Verspätung am Morgen gab es aber keine Probleme. Am Samstag stand ein Ausflug auf dem Programm, der mehrmaliges fahrplanmäßiges Umsteigen erforderte. Überraschenderweise klappte auch das fast auf die Minute so wie geplant.

- Boris Becker: Das Tennis-Wunderkind hatte es in seiner öffentlichen Wahrnehmung in den letzten Jahrzehnten in Deutschland alles andere als leicht. Aber eines muss man wirklich sagen: Als Tennis Experte war er auch dieses Mal wieder bei den French Open fantastisch.
- Die Färöer Inseln auf 35mm Film: Eines, der wenigen Länder, die nicht an der WM teilnehmen, sind die Färöer Inseln. Christine stellt in ihrem Blog einige analoge Fotografieren der Inseln vor.

Im Jahr 2023 hatte die britische Band Chappaqua Wrestling mit Plus Ultra ihr Debutalbum veröffentlicht und bei mir damit nachhaltig Eindruck hinterlassen. Nun melden sie sich mit dem Nachfolger Resistance zurück, allerdings unter dem verkürzten Namen CQ Wrestling. Es gibt eine Reihe von Video-Auskopplungen, Guns In Their Hands ist ein schönes Beispiel für ihren verträumten Indie-Rock.
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit und habt einen guten Start in die neue Woche!
Ein Kommentar
bullion
Viele passende Gedanken zur WM. Mir geht Fußball ja ohnehin sonstwo vorbei, deshalb wäre es für mich einfach zu boykottieren. Aber die Kids sind am Trubel interessiert und ich möchte auch nicht, dass sie die einzigen in der Freundesgruppe sind, die nicht schauen dürfen oder so. Also hilft nur einordnen und zähneknirschend ein paar Spiele mitschauen.