FIFA WM 2006: Meine Erinnerungen an das Sommermärchen

Genau heute, am 9. Juni, wurde vor exakt zwanzig Jahren die Fußball-WM 2006 der Männer in Deutschland eröffnet. Das Turnier, das sich hierzulande als Sommermärchen in den Sport-Geschichtsbüchern verewigt hat. Meine Erinnerungen an die WM 2006 beginnen jedoch noch früher und starten am 6. Juli 2000. Es war der Tag, an dem verkündet wurde, wer den Zuschlag für die Austragung des Turniers erhalten sollte. Ich weiß noch genau, wo ich das miterlebt habe: Beim Pförtner des Krankenhauses, wo ich zu dieser Zeit meinen Zivildienst absolvierte. Wir Zivis mussten immer mal wieder da vorne aushelfen und ich meine, dass an diesem Tag einer von uns an der Pforte saß. Ich nutzte eine kurze Pause, um dort vorbei zu schauen und erlebte genau den Moment mit, als Sepp Blatter den Umschlag öffnete und verkündete: „And the winner is… Deutschland“. Ich war begeistert. Das größte Fußball-Ereignis der Welt im eigenen Land! Die anderen verfolgten das jedoch eher mit zynischer Gleichgültigkeit und man konnte es ihnen nicht verdenken, lag doch gerade die desaströse EM 2000 unter Erich Ribbeck hinter uns. Und 2006 – Mensch, das war doch eh noch ewig lange hin, oder?

Was bis zur Eröffnung der WM 2006 noch alles passieren sollte! Ich fing an und beendete mein Studium in Pforzheim und zog 2005 für meinen ersten Job nach München, von wo ich seitdem nicht mehr weggezogen bin. Ich verdiente mein erstes Geld, es war ein komplett anderes Leben als noch bei der Verkündung im Jahr 2000. Und dann kam der Sommer 2006. Und mit ihm die Weltmeisterschaft.

Die Vorfreude auf das Ereignis war im Land allerdings noch nicht die größte. Dem eigenen Team wurde nicht viel zugetraut. Als der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann verkündete, er wolle Weltmeister werden, wurde er fast ausgelacht. Er änderte viel beim DfB und sorgte so für mehr frischen Wind, als es vielen lieb war. Und neben dem klassischen Trikot führte er für als Ausweichtrikot der Nationalmannschaft ein rotes Jersey ein, was zumindest bei mir für sehr viel Ablehnung sorgte. Das war doch nun wirklich nicht die Farbe unserer Nationalelf! In den Monaten vor dem Turnier ging es nur noch darum, wie teuer alles geworden wäre, was sich die FIFA alles heraus nehmen würde und dann meldete auch noch der TÜV erhebliche Sicherheitsmängel bei den niegelnagelneuen Stadien an. Und Tickets für die Spiele? Würde man ja eh nicht bekommen.

Lange Zeit sah es auch für mich beim Ticketkauf schlecht aus. Trotz aller Versuche war ich in den ersten Verkaufsphasen leer ausgegangen und so sah es im Frühling 2006 danach aus, als würde die WM ohne mich im Stadion stattfinden. Eine Katastrophe für mich als Fußball-Fan! Aber dann kam eine der letzten Verkaufsphasen. Direkt über das Internet, damals noch keine Selbstverständlichkeit, und nach dem Prinzip „First Come, First Serve“. Ich saß den ganzen Tag vor dem PC in meinem Einzelbüro und versuchte es immer wieder über die Ticketseite. Aktualisieren, aktualisieren, aktualisieren. Parallel durchstöberte ich Internet-Foren nach den besten Tipps. Sollte man zur Not ein Ticket für das Spiel Tunesien gegen Saudi-Arabien in München nehmen, um wenigstens irgendwas zu haben? Aber dann: Ein Ticket für das Eröffnungsspiel (108€) in meinem Einkaufskorb! Gleich das erste Spiel! Direkt hier in München, in der damals noch ganz frischen Allianz Arena! Zwar ein sichtbehinderter Platz, aber das war mir egal. Die WM würde bald losgehen und ich würde im Stadion mit dabei sein!

Es kam der 9. Juni 2006, ein Freitag. Den Nachmittag hatte ich mir frei genommen, um zeitig nach Fröttmaning zur Allianz Arena fahren zu können. Denn vor dem Anpfiff um 18 Uhr sollte noch die Eröffnungsfeier des Turniers stattfinden. Die war bunt und halbwegs kurzweilig und bot mehr als die landestypischen Schuhplattler in Tracht, die einem jetzt noch in jedem Rückblick begegnen. Und als Bundespräsident Horst Köhler schließlich so etwas sagte, wie „Endlich geht es los“, sprach er mir aus dem Herzen. Sechs Jahre Wartezeit waren vorbei.

Und dann ging es wirklich los. Deutschland gegen Costa Rica, nach 6 Minuten zieht Philipp Lahm von der linken Seite in den Strafraum und zieht mit dem rechten Fuß ab: 1:0, direkt vor meiner Nase! Am Ende wurde es ein 4:2 für das deutsche Team, die weiteren Tore erzielten Miroslav Klose (2mal) und Thorsten Frings, außerdem traf Paulo Wanchope doppelt für den Außenseiter. Der Anfang war gemacht und plötzlich wurde auch das Wetter gut. Und ich dachte, es wäre eine gute Idee, die Preistafel eines Shops im Stadion zu fotografieren. Ich glaube ich tat es, um die für ein deutsches Stadion untypische Essenauswahl zu dokumentieren, mittlerweile staunt man eher über die Preise.

Zum landesweiten Urknall für dieses Turnier kam es dann bekanntermaßen beim zweiten deutschen Gruppenspiel gegen Polen. Die Geschichte ist bekannt: Es steht lange 0:0, bis in der Nachspielzeit David Odonkor auf seinen berühmten Sprint geschickt wird, er den Ball in die Mitte flankt und dort Oliver Neuville in den Pass hineinspritzt und den Ball in die Maschen drückt. Eine Explosion im ganzen Land, auch in dem Wirtshaus, in dem ich das Spiel sah.

Während der WM hatte ich mir eine ganze Woche frei genommen und war in dieser auch viel unterwegs. Der Anfang machte eine Reise nach Stuttgart. Nach meinem ersten Erfolg im Ticketshop hatte ich es einfach noch einmal für ein zweites Spiel versucht und geklappt hatte es für Spanien gegen Tunesien (45€) aus der Gruppe H. Montagabend, 21 Uhr. Tagsüber hatte ich mir beim Stuttgarter Fanfest in der Innenstadt bereits teilweise Togo gegen die Schweiz angeschaut (0:2) und bin dann so früh zum Stadion gefahren, dass ich einer der ersten im Gottlieb-Daimler Stadion war. Das Stadion war fest in spanischer Hand, es sollte aber dauern, bis sie richtig feiern konnten. Denn Tunesien ging früh mit 1:0 in Führung (Torschütze: Jawhar Mnari, der zu dieser Zeit beim 1. FC Nürnberg spielte). Erst spät konnten die Spanier mit ihren Superstars das Spiel drehen: Raúl in der 71. Minute mit dem Ausgleich, Fernando Torres erhöhte mit einem Doppelpack auf 3:1, darunter ein Elfmeter, den man hier im Bild sehen kann.

Danach wurde meine Woche kompliziert. Zunächst musste ich am Stuttgarter Hauptbahnhof bis weit nach Mitternacht auf meine Weiterfahrt warten. Die führte mich nämlich in meine Heimat nach Frankfurt, wo mich mein Vater mitten in der Nacht am Hauptbahnhof abholte, stilecht mit Deutschland-Flagge an den Außenspiegeln. Von zu Hause sah ich dann vermutlich auch das dritte Gruppenspiel von Deutschland gegen Ecuador (3:0), sowie noch ein paar weitere Spiele im heimischen WM-Studio.

Ein paar Tage danach fuhr ich von dort mit dem ICE weiter nach Berlin und begleitete damit eine Freundin, die in der Stadt ein Vorstellungsgespräch hatte. Wir waren kurz auf der Fanmeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor, waren am Sony-Center am Potsdamer Platz, wo das ZDF sein WM-Studio hatte (jedoch nicht an dem Tag, an dem wir dort waren) und sahen schließlich das Achtelfinale zwischen Deutschland und Schweden in irgendeinem Restaurant auf dem Kurfürstendamm. Ich erinnere mich noch, dass am Nachbartisch einige Fans der Schweden saßen und lautstark einen jungen Spieler namens Zlatan Ibrahimovic anfeuerten. Nützte ihnen aber nichts, Lukas Podolski traf bereits nach 12 Minuten zweimal und sorgte damit früh für den Endstand. Danach wurde der Kurfürstendamm zur Feiermeile.

In der nächsten Runde stand für Deutschland im Viertelfinale das Spiel gegen Argentinien an. Das Land, in dem ich im Jahr zuvor drei Monate verbracht hatte, eine Reise, von der ich sehr lange gezehrt hatte. Mit einigen Bekanntschaften aus dieser Zeit habe ich sogar heute noch Kontakt. Bei diesem Spiel war das aber erst einmal vergessen. Nach 120 Minuten steht es 1:1, es kommt zum Elfmeterschießen. Wir erinnern uns, Oliver Kahn wünscht Jens Lehmann viel Erfolg und dann kommen Lehmans 15 Minuten, in denen er nachhaltig glänzen konnte. Dank seines legendären Spickzettels hält er zwei Elfmeter der Argentinier und Deutschland erreicht das Halbfinale. Ich sah das Spiel in kleiner Gruppe zu Hause bei einem damaligen Arbeitskollegen, mitten in der Maxvorstadt, und wir lernten erstmals, dass das TV-Signal nicht in allen Haushalten gleichzeitig ankam. Nach dem zweiten Elfmeter hatten wir es verstanden und die Fenster verschlossen. Als dann die Fenster wieder aufgingen, füllten sich die Straßen mit Feiernden. Und ich schickte eilig ein paar Nachrichten nach Argentinien.

Ich musste danach noch einmal in meine Heimat nach Frankfurt. Aber was heißt, ich musste! Denn kurz vor dem Turnier hatten auch meine Eltern Glück gehabt und gleich drei Tickets für das Viertelfinale zwischen Brasilien und Frankreich ergattern können (108€). Zwar auch wieder sichtbehinderte Plätze, direkt hinter den TV-Kommentatoren, aber das war egal, man sah trotzdem sehr gut. Bereits vor dem Stadion machten die brasilianischen Fans prächtig Stimmung, im Stadion – wir waren recht früh drin – verfolgten wir auf dem Videowürfel das Ausscheiden von England, ganz klassisch im Elfmeterschießen gegen Portugal. Das Spiel hier wurde dagegen innerhalb von 90 Minuten entschieden, durch ein Tor von Thierry Henry. Spieler des Spiels war aber ganz klar Zindine Zidane, der als 10er im Mittelfeld zauberte und der Chef auf dem Platz war. Ich erinnere mich noch an den französischen Fußball-Fan in der Reihe hinter uns, der den Sieg ausgelassen mit seinem kleinen Sohn feierte. Und ich freute mich, mit meinen Eltern hier gewesen zu sein. Für meinen Vater war es bereits die zweite Weltmeisterschaft, seine Geschichten von der WM 1974 und der legendären Regenschlacht zwischen Deutschland und Polen an genau dieser Stelle, kannte ich zur Genüge.

Zurück in München. Halbfinale Deutschland gegen Italien. Fußball-Fans sind abergläubisch und so sahen wir das Spiel in der gleichen Konstellation wie das Viertelfinale. Wieder deutete alles auf ein Elfmeterschießen hin, stand es doch bis zur 118. Minute noch 0:0. Aber dann trafen innerhalb von wenigen Minuten zunächst Fabio Grosso und danach Alessandro Del Piero und schossen damit den Gastgeber aus dem Turnier. Die Stimmung im Land verpuffte kurzzeitig, so als hätte man die Luft aus einem Ballon gelassen. Nur um das deutsche Team dann ein paar Tage später im Spiel um Platz 3 gegen Portugal doch wieder zu feiern und ihr für die Euphorie zu danken, die sie dem Land im vergangenen Monat gegeben hatten. Das Turnier hatte den Deutschen gezeigt, wie schön man sich selbst feiern und welch gute Gastgeber man sein konnte! Es war eine Visitenkarte für das Land, die das Selbstbild und den Blick anderer auf Deutschland nachhaltig verändert hatte.

Finale! In meinem Bekanntenkreis hatte nach dem unglücklichen Ausscheiden des deutschen Teams niemand mehr so richtig Lust auf das Spiel, aber ich brauchte noch einen würdigen Abschluss für dieses Turnier. Also fuhr ich alleine in den Münchener Olympiapark, wo das offizielle Fanfest der Stadt stattfand und eine riesige Leinwand auf dem Olympiasee zum Schauen aufgebaut war. Auf der anderen Seite des Sees hatte man ein Spielfeld auf den Olympiaberg gemalt.

Die Public Viewing Arena war am Final-Abend, wie wohl schon während des gesamten Turniers, sehr gut ausgelastet und viele waren in Trikots von Frankreich oder Italien gekommen. Es war eine schöne, begeisterte und friedliche Atmosphäre. Mir sind vor allem zwei Dinge im Kopf geblieben. Zum einen der legendäre Platzverweis im allerletzten Profispiel von Zinedine Zidane. Zunächst der verständnislose Aufschrei im Rund, als der Schiedsrichter in der Verlängerung beim Stand von 1:1 die rote Karte zückte. Und dann die hörbar erschrockene Reaktion, als sein Kopfstoß in der Wiederholung groß und deutlich auf der Leinwand zu sehen war. So ein lautes „Ouuuuuh“ habe ich danach nie wieder gehört. Das Elfmeterschießen, in dem sich Italien schließlich zum Weltmeister krönte, habe ich dagegen gar nicht mehr vor Augen. Wohl aber, als auf der nächtlichen Heimfahrt in der U-Bahn die italienischen Fußball-Fans ihre Nationalhymne anstimmten. Das war für mich der krönende Abschlusder WM 2006, des deutschen Sommermärchens. Sportlich war es vielleicht nicht die beste WM aller Zeiten, aber emotional sicherlich die packendste. Es war ein Monat voller spannender und positiver Eindrücke, mit vielen Erinnerungen, die mir über die Jahre geblieben sind und die sich in den Bildern gar nicht alle festhalten lassen.

Zwanzig Jahre ist das mittlerweile alles her. Seit der Verkündung als Gastgeber sind es sogar 26 Jahre. Und damit auch exakt der gleiche Zeitraum wie zwischen der ersten Weltmeisterschaft in Deutschland 1974 und der Verkündung am 6. Juli 2000. Wird es also Zeit, dass sich der DfB um eine dritte Ausrichtung des Männer-Turniers bemühen sollte? Zumindest gehen die Überlegungen des DfB dahin, eine Bewerbung für die WM 2038 oder für die WM 2042 zu prüfen. Schau ‚mer mal, wie der altehrwürdige Kaiser des deutschen Fußballs gesagt hätte. Das Jahr 2042 klingt im Moment noch wie Science-Fiction, in dem Jahr werde ich das Rentenalter schon fast erreicht haben. Aber wir haben ja gemerkt, wie schnell die Zeit vergeht.

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