Sportlich

Die Fußball-WM 2022 in Katar

An diesem Sonntag, also am Totensonntag, beginnt in Katar die 22. Fußball-Weltmeisterschaft der Männer, bei der insgesamt 32 Teams die bedeutendste Trophäe des Fußballs gewinnen wollen. Neben den Olympischen Sommerspielen ist dies das größte und meistbeachteste Sportereignis der Welt.

Seid die FIFA vor zwölf Jahren (!), im Dezember 2010, entschieden hat, ihr wichtigstes Event das erste Mal auf der Arabischen Halbinsel stattfinden zu lassen, reißt die Kritik an der Vergabe und an den Veranstaltern nicht ab. Woran liegt das und wie kann man damit umgehen?

In Katars gesellschafts- und wirtschaftlichpolitischer Vision für 2030 ist die Rede davon, „Katar in eine fortschrittliche Gesellschaft zu verwandeln, die zu einer nachhaltigen Entwicklung fähig ist“. Ein hochtrabendes Ziel, etwas ungenau formuliert, welches in der Entwicklung dorthin zu Lasten von einigen, gesellschaftlichen Gruppen geht. Ein Baustein dieser Vision ist es, sich weltoffen zu präsentieren und Sportevents ins Land zu holen. Es scheint, als wären die Verantwortlichen davon überrascht worden, welche Wellen die Kritik schlägt, die bei der Handball-WM 2015, der Leichtathletik-WM 2019, einem regelmäßigen Herren-Tennis-Turnier seit 1993 und der Formel 1 seit 2021 nie so laut geworden ist wie jetzt. Diese WM ist einfach zwei oder drei Nummern größer als alles andere – sowohl von der Aufmerksamkeit, als auch vom Aufwand.

Wenn man zunächst einmal die oberflächliche Kritik ignoriert, die vor allem am Anfang die Diskussion bestimmt hatte, und sehr aus einer eurozentrischen Weltsicht geäußert wurden (Wieso spielen sie nicht im europäischen Sommer? Wieso darf man dort nicht im gleichen Maße Rauschmittel (=Alkohol) konsumieren wie hierzulande?), bleiben immer noch drei verschiedene Kategorien, in welche man die Kritikpunkte einordnen kann.

1.) Fehlende sportliche Tradition: An den vorherigen Männer-Weltmeisterschaften nahmen bisher 79 verschiedene Nationen teil, von denen manchen mittlerweile sogar nicht mehr existieren (wie die DDR oder Niederländisch-Indien). Katar gehörte bisher nicht dazu. Und die anderen Nationalteams von der Arabischen Halbinsel, die bisher vertreten waren (namentlich: Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate und Kuwait), waren nicht besonders erfolgreich: In zusammen 22 Spielen konnten sie nur 3mal gewinnen (Saudi-Arabien 1994 gegen Belgien und Marokko und Saudi-Arabien gegen Ägypten 2018). Und wie man ja weiß, steht der gemeine Fußball-Fan sehr auf Tradition. Katar hat sie offensichtlich nicht.

2.) Fehlende Infrastruktur: Die Weltmeiterschaft wird in 8 verschiedenen Stadien stattfinden (2026 werden es 16 sein, bei einem um 50% größeren Teilnehmerfeld), davon wurden 6 komplett neu gebaut, die anderen beiden großzügig umgebaut. Das Budget für die gesamte Infrastruktur lag laut der Handelszeitung bei unglaublichen 146 Milliarden Euro, nur auf die Stadien entfallen wohl 4 Milliarden. Zum Vergleich: Für Russland 2018 waren es schon satte 21 Milliarden und damals ein neuer Rekordwert, Deutschland 2006 kostete 0,43 Milliarden Euro. Und das in einem Land, das kleiner ist als Schleswig Holstein. Die weiteste Entfernung zwischen zwei WM-Stadion wird bei 68km liegen – was ungefähr der Strecke von Dortmund nach Düsseldorf entspricht. Wenn ich mich nicht verzählt habe, kommt man in diesem Gebiet mit zusätzlich noch Bochum, Essen, Gelsenkirchen und Duisburg auf sechs Standorte mit größerem Fanaufkommen und den dementsprechenden Stadien. Katar wird also eine größere Dichte an eindrucksvollen Stadien haben als das fußballbegeisterte Ruhrgebiet! Aber um dem etwas positiven abzugewinnen: Es wird eine WM der kurzen Wege und die Stadien sollen danach zurück- und in Entwicklungsländern wieder aufgebaut werden.

3.) Fehlende Menschenrechte: Andere Länder, andere Sitten. Die WM ist ein globales Event und bietet die Chance, sich in einem sportlichen Wettkampf nach festen Regeln zu messen, auch wenn man in vielen Sachen verschiedene Meinungen hat. Der schon angesprochene Umgang mit Alkohol ist ein Beispiel für so eine andere Sitte, in der Westeuropa vielleicht nicht unbedingt das beste Beispiel ist. Auch andere Regierungsformen müssen durchaus gestattet sein. Aber: Es gibt gewissen Grenzen, über die man nicht hinwegsehen sollte. Menschenrechte, auf die sich ein Großteil der Staaten der Erde geeinigt haben, müssen eingehalten werden. Religionsfreiheit gehört dazu, aber natürlich auch die sexuelle Orientierung. Wenn Fußball-Fans ausgeschlossen werden, weil sie einen gleichgeschlechtlichen Partner lieben, dann ist das ein Unding. Besonders, wenn man sich als Staat ein modernes Antlitz verpassen möchte. Auch die Themen Frauenrechte und Pressefreiheit gehen weit über ein „nur eine andere Meinung haben“ hinaus. Der Umgang mit den Gastarbeiten ist ein weiteres Problemfeld. Amnesty International spricht von 15.000 Nicht-Kataris – hauptsächlich Gastarbeiter aus verarmten Drittstaaten – , die zwischen 2010 und 2019 gestorben sind, wovon die meisten Todesfälle nicht aufgeklärt wurden. Allerdings weist die Statistik auch nicht aus, ob die Menschen aufgrund der fehlenden Arbeitsschutzmaßnahmen gestorben sind oder aus anderen Gründen. Und einen Zusammenhang mit Infrastrukturmaßnahmen der Weltmeisterschaft lässt sich erst recht nicht bestimmen (auch wenn das oft und gerne fälschlicherweise behauptet wird).

Schon in der Vergangenheit gab es sportliche Großereignisse, die massiv in der Kritik standen. Das besondere an der WM 2022 in Katar ist jedoch, dass hier die Kritikpunkte aus den verschiedensten Bereichen zusammen kommen. Ich habe mal versucht, die gängigsten Kritikpunkte in der öffentlichen Wahrnehmung in einer Grafik zu sammeln – jedoch ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auf die Richtigkeit der Kritikpunkte.

Sollte man Katar 2022 boykottieren? Das muss selbstverständlich jeder mit sich selbst ausmachen. Amnesty International empfiehlt das jedoch ausdrücklich nicht. Wenn die Vergabe der Weltmeisterschaft etwas Gutes hatte, dann das die Menschenrechtslage in Katar ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit gerückt ist. Seien wir mal ehrlich, die meisten hätten sich ansonsten nicht mit diesem Land beschäftigt. Außerdem finde ich persönlich: Probleme löst man besser, wenn man miteinander spricht als wenn man nicht miteinander spricht. Und Belohnung ist ein stärkerer Antrieb als Strafe. Deshalb werde ich diese WM nicht boykottieren. Sage aber auch, das ich auf andere Weltmeisterschaften schon bedeutend mehr Lust hatte. Und besonders dies kann man niemanden verübeln.

Es wird spannend sein zu sehen, wie sich die Einschaltquoten im deutschen Fernsehen im Vergleich zu den vergangenen Weltmeisterschaften der Männer entwickeln werden. Wird man hier eine WM-Müdigkeit sehen? Ich tippe auf nein – einfach weil die TV-Reichweiten im Winter immer höher sind als im Sommer und es in diesem Jahr auch nicht so eine Vielzahl an Public Viewing Events geben wird, welche an der gemessen Reichweite knabbern. Aber wir werden sehen.

Wie steht ihr zur WM 2022 – Freut ihr euch drauf oder lässt sie euch (in diesem Jahr) kalt?

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