Fantasy Filmfest Nights 2026: Vier Filme in 24 Stunden

Nach den White Nights im Januar fanden am vergangenen Wochenende die Fantasy Filmfest Nights 2026 statt. Mit 18 Filmen an vier Tagen sind sie schon etwas länger als die White Nights. Veranstaltungsort in München war erneut das City Kino in der Sonnenstraße, das sich mittlerweile seit einigen Jahren als feste Heimat etabliert hat. In diesem Jahr sah ich mir vier Filme aus dem Programm an: Zwei am Samstag Nachmittag und Abend, zwei am Sonntag Mittag, aber alle vier innerhalb von nur 24 Stunden. Und alle vier vom gleichen Kinositz aus.

In chronologischer Reihenfolge waren das:

Mārama (Regie: Taratoa Stappard, Neuseeland) – 5 von 10

Mitte des 19. Jahrhunderts reist die junge Māori Mary (Ariana Osborne) von Neuseeland nach England, um über ihre Familie nachzuforschen. Kurz nach ihrer Ankunft plagen sie auf dem Anwesen des Engländers Cole (Toby Stephens) blutige Visionen von gewalttätigen Ereignissen. Doch das Grauen beschränkt sich nicht nur auf ihre Fantasie. Mein Auftakt in die Fantasy Filmfest Nights war etwas enttäuschend. Zwar kann der Film durch tolle Bilder und ein schönes Setting punkten, hat aber kaum eine Geschichte zu erzählen. Es ist mehr ein bewegtes Gesellschaftsgemälde der Zeit als ein richtiger Film. Mary findet mit Hilfe der ungewollten, kurzen Visionen – ein Handwerkszeug jedes Gruselfilms – die dunklen Seiten der britischen Kolonialgeschichte heraus, ohne dass sie sich das Wissen aktiv erarbeiten muss, aber das war es auch schon. Ihr Rachefeldzug wirkt nicht mehr als pflichtschuldig angeheftet. Eine Dokumentation zum Thema wäre vermutlich angemessener gewesen. Wobei man positiv noch die Sequenz hervor heben kann, wenn Marry einer Feier beiwohnt, in der sich die Engländer über die Kolonialgeschichte und die Traditionen der Māori lustig machen, und sich die Abscheu vor dem, was sie da sieht, in ihr immer breiter macht. Regisseur Taratoa Stappard, der in seiner Jugend einige Jahre in der Nähe von Bad Aibling verbrachte, war bei der Vorführung anwesend.

Good Boy (Regie: Jan Komasa, Polen/UK) – 8 von 10

Der 19-jährige Tommy (Anson Boon), bekannt für seine brutalen Internetvideos, wacht nach einer hemmungslosen Clubnacht angekettet in einem Keller auf. Seine Entführer entpuppen sich als eine scheinbar völlig normale Spießbürger-Familie. Doch was haben diese Psychos – der eiserne Kontrolle ausübende Chris (Stephen Graham), seine fragile Frau Katherine (Andrea Riseborough) und Sohn Jonathan (Kit Rakusen) – mit ihm vor? Nichts gutes, so scheint es zunächst. Es wirkt wie eine Variante von Clockwork Orange, nur im Privathaushalt statt staatlich organisiert. Die Story ist ungewöhnlich und wird ebenso ebenso unkonventionell erzählt. Das man nach dieser Beschreibung des Film sogar etwas schmunzeln kann und es geradezu auch harmonische Sequenzen gibt, kommt unerwartet, aber es funktioniert. Graham darf nach Adolescence (9/10) und Springsteen: Deliver Me From Nowhere (7/10) erneut einen denkwürdigen Familienvater spielen, Riseborough ist nicht minder eindrucksvoll. Mit Erklärungen für die Motivation der Familie hält sich der Film angenehm zurück und ob Tommy jetzt zu seinem Glück gezwungen werden kann und wie viel ihm die persönliche Freiheit wert ist, wird auch nicht konsequent geklärt. Dafür ist der Film in seiner Perspektive nicht durchgängig auf einer Seite, lässt mal mehr mit der Familie auf die Situation schauen und mal mehr mit Tommy. Ob Ausgangslage und Entwicklung einem professionellen psychologischen Blick stand halten würden, ist nicht ganz sicher. Unterhaltsam und kontrovers ist Good Boy dagegen auf jeden Fall.

The Vile (Regie: Majid Al Ansari, USA/Vereinigte Arabische Emirate) – 6 von 10

Als Khalid (Jasem Alkharraz) plötzlich mit einer zweiten Ehefrau vor der Tür steht, sind Amani (Bdoor Mohammad) und ihre Teenager-Tochter Noor (Iman Tarik) entsetzt. Doch mit dem Einzug der schwangeren Zahra (Sarah Taibah) nistet sich auch etwas Unheimliches in ihrem Heim ein. Es ist der Blick in die Privatsphäre einer fremden Kultur, der bei diesem Film fasziniert. Das eingespielte Familiengefüge wird empfindlich gestört, als auf einmal die zweite Ehefrau auftaucht, die jünger, unabhängiger und modernen ist als Amani. Diese fühlt sich von jetzt auf gleich ausgegrenzt und ausgestoßen, sie steigert sich in eine Paranoia hinein. Für ihre Tochter ist die Neue dagegen eher wie eine große Schwester, die ihr hilft und mit der sie Spaß haben kann. Als Drama ist die Story durchaus interessant und nachvollziehbar, sowie auch gut gespielt und umgesetzt. Allerdings auch etwas lahm und einfach nicht ganz mein Thema. Seine Berechtigung für dieses Festival versucht The Vile dann noch in der letzten halben Stunde zu rechtfertigen, wenn Zahra in der Wahrnehmung von Amani immer mehr dämonisiert wird und es zu einigen surrealen Traumsequenzen kommt, auch wenn dieser Aspekt letztlich nur halbherzig ausgespielt wird.

Imposters (Regie: Caleb Philipps, USA) – 8 von 10

Seltsame Dinge geschehen in dem Dorf, in das Marie (Jessica Rothe) und Paul (Charlie Barnett) gerade gezogen sind. Menschen werden vermisst, es kommt zu unerklärlichen Erdbeben und plötzlich ist auch ihr Baby spurlos verschwunden. Als die verzweifelte Marie erfährt, wie sie es zurück bekommen könnte, ist sie bereit, alles dafür zu tun. Wenn ich nach dieser Beschreibung auch noch sage, dass sich der Großteil des Films auf die beiden Hauptfiguren bezieht und in nur ganz wenigen Locations spielt, würde man doch wirklich glauben, dass dies ein tragisches Kammerspiel über Partnerschaften und Verlust ist, oder? Aber es kommt ganz anders. Nach der ersten halben Stunde macht der Film so einiges Twists, die bis zur Eskalation am Ende des Films führen. Und je weniger man vorher darüber weiß, um so besser. Nur so viel: Langweilig wird es beim Zusehen nicht, der Film läuft mit Recht auf diesem Festival und der Typ, der im Kino vor mir saß, hat lautstark mitgelitten. Ja, das Intro ist des Effektes wegen an den Anfang der 100 Minuten geklatscht geworden und spielt später quasi keine Rolle mehr. Ja, vermutlich stolpert die Auflösung irgendwo über seine eigenen Füße und Nerds werden mit Freude erklären können, ob da irgendetwas nicht passt oder sich widerspricht. Aber der Film ist spannend, kreativ und unterhaltend, alleine das ist schon nicht mehr selbstvertändlich auf diesem Festival. Es ist zwar nur eine Produktion mit einem begrenzten Budget, aber für solche Filme gehe ich hier her.

***

Das waren meine vier Filme in diesem Jahr. Die Ausbeute war dabei 50/50 – immerhin. Im September geht es dann weiter mit dem großen Fantasy Filmfest, dann hoffentlich auch mal wieder mit ein paar mehr richtigen Science-Fiction und phantastischen Filmen.

Ein Kommentar

  • bullion

    Jedes Mal, wenn ich bei dir die Artikel übers FFF lesen, dann bekomme ich auch selbst Lust auf Genrekino im Kino. Zumindest hole ich mir immer ein paar Tipps fürs Heimkino ab. 😉

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