Kazuo Ishiguro – Alles, was wir geben mussten (2005)

Den ersten Roman für dieses Jahr habe ich geschafft. Der Dank gilt dabei an Miss Booleana, die mich auf Alles, was wir geben mussten (im Orginal: Never Let Me Go) aufmerksam gemacht hat, dem vielfach gelobten Roman des britisches Autors und Literaturnobelpreisträgers Kazuo Ishiguro. Das Time-Magazin zählt das Werk zu einem der besten englischsprachigen Romane der letzten 100 Jahre. Zu Recht?

Aus dem Klappentext: Ein großer Sportplatz, freundliche Klassenzimmer und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen – auf den ersten Blick scheint Hailsham ein ganz gewöhnliches englisches Internat zu sein. Aber die Lehrer, so engagiert und freundlich sie auch sind, heißen hier Aufseher, und sie lassen die Kinder früh spüren, dass sie für eine besondere Zukunft ausersehen sind. Dieses Gefühl hält Kathy, Ruth und Tommy durch alle Stürme der Pubertät und Verwirrungen der Liebe zusammen – bis es an der Zeit ist, ihrer wahren Bestimmung zu folgen

Fazit (Spoiler sind bei diesem Buch leider unvermeidlich): Ishiguro besitzt die seltene Kunst, schwierige Zusammenhänge leicht darzustellen. Er lässt die Geschichte von seiner Protagonistin Kathy erzählen. Kathy plaudert gerne, springt schnell hin und her, schweift ab und deutet zukünftige Ereignisse an. Mit ihr erleben wir ihre Jahre des Heranwachsens, zusammen mit ihren Freunden im Internat Hailsham. Dort wird getuschelt und hinterfragt, Pläne geschmiedet und sich in die scheinbar unbedeutensten Dinge hinein gesteigert. Es ist das Leben eines normalen Kindes und Jugendlichen. Ishiguro verwendet viel Zeit darauf, uns die Heranwachsenden in ihrer Normalität näher zu bringen. Und während man gespannt deren kleinen Abenteuern, Verschwörungen und Herausforderungen folgt, offenbart sich im Banalen ganz beiläufig das Grauen des Internates.

Die Kinder sind Klone und wachsen auf, um später ihre Organe spenden zu können. So werden sie erzogen, der Lauf ihres Lebens ist ihnen von Anfang an klar, auch wenn man in Hailsham nicht gerne darüber spricht. Sie kennen nichts anderes, sie stellen es nicht in Frage, es ist für sie das Normalste der Welt. Nach dem Internat werden sie als Betreuer für andere Spender tätig, bevor sie selbst für ihre erste Spende abgerufen werden. Das Kopfschütteln des Lesers über dieses unvermeidliche Schicksal steht dabei im Gegensatz zur Gleichgültigkeit der Romanfiguren demgegenüber. Für sie steht dieses Los nicht zur Debatte, so ist es und so wird es kommen. Unglaubwürdig? Ein anscheinend unverrückbares Klassensystem gab es immer wieder im Laufe der Menschheitsgeschichte.

Von anderen, großen Dystopien kennen wir stets die Aufrechten, diejenigen, die gegen das unterdrückende System kämpfen. Bei Alles, was wir geben mussten fehlen diese. Hier liest man, wie die handelnden Personen ihren Platz im System eingenommen haben und diesen akzeptieren. Hier offenbaren sich die Mitfühlenden erst ganz sachte gegen Ende der Erzählung. Es gibt keine Identifikationsfigur, die gegen die Gesellschaftsordnung rebelliert, viel mehr als rebellische Teenager treffen wir hier nicht. Aber das funktioniert, wie eine Nebelkerze verdeckt das die eigentliche Tragik, die sich dem Leser erst nach und nach erschließt, aber immer wie ein ungutes Gefühl im Hintergrund wabert.

Es ist eine beeindruckende Erzählung in einer traurigen Gesellschaftsordnung.

Ishiguros Roman wurde bereits unter dem gleichen Namen verfilmt und ist zur Zeit auf Netflix verfügbar. Den werde ich mir in den nächsten Tagen noch anschauen. Er ist hoffentlich ähnlich eindrucksvoll wie das Buch.

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