Der Start von Star Trek: Discovery

Zu den großen Zeiten von Star Trek – Mitte der 90er, als es über einen längeren Zeitraum immer zwei Star Trek Serien gleichzeitig gab – war die TV-Landschaft noch eine völlig andere. Heute ist das Bewegtbildangebot sehr viel differenzierter, man kann sie über viel mehr Kanäle konsumieren, auf denen die breite Masse teilweise keinen Zugriff hat. Exklusivinhalte sind hier das Zauberwort. Binge-Watching, statt das Warten auf eine neue Folge – wobei sich das vielleicht auch grade wieder ändert: Die meist gehypten Serien aktuell, Game Of Thrones und The Walking Dead, erscheinen nur wöchentlich. Und eine Serie, die anspruchsvoll sein will, kann nicht jeder Woche eine neue Geschichte erzählen – obwohl grade Star Trek hier seine Stärke und gradezu unglaubliche Einzelfolgen produziert hatte.

Gene Roddenberrys Zukunftsvisionen startete 1966 als Star Trek im amerikanischen Fernsehen, hielt sich aber vorerst nur 3 Jahre. Zwar wurde wenige Jahre später noch mal eine Zeichentrickversion nachgeschossen, aber eigentlich war es das. Der Erfolg von Star Wars provozierte 1979 aber einen Kinofilm mit der gealterten Original-Crew. Obwohl der Film inhaltlich und finanziell ein Flop war, folgten bis 1991 weitere Kinofilme mit der alten Crew.

Auch die Rückkehr ins Fernsehen klappte, bereits 1987 startete The Next Generation. Die neue Enterprise flog 7 Jahre, bevor sie für vier Kinofilme auf die große Leinwand wechselte. Wegen des großen Erfolges wurde 1993 mit Deep Space Nine eine weitere Serie gestartet, die mittlerweile wesentlich besser besprochen wird, als es zu ihrer aktiven Zeit der Fall war. 1995 ging mit Star Trek Voyager eine weitere Serie on air. Auch sie hielt sich 7 Jahre. Nach ihrem Ende machte die nächste Serie einen Sprung zurück – Star Trek Enterprise spielte deutlich näher an der Gegenwart als die übrigen. Ein großer Erfolg war sie allerdings nicht, 2005 endetete sie nach nur 4 Jahren recht unspektakulär und damit war Star Trek im TV erst einmal durch.

Statt dessen brachte J.J. Abrams die Reihe 2009 zurück ins Kino und führte die Reihe zurück zu ihren Wurzeln. In bisher drei Filmen erzählte er die Geschichte von Kirk & Spock erneut. Das kam nicht bei jedem der alten Fans gut an, finanziell waren die Filme aber ein ganz netter Erfolg. Die Rufe nach einer neuen Serie wurden lauter und nach vielen Verschiebungen startete nun die neue Serie: Star Trek Discovery.
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Der Sender CBS beauftragte eine neue Star Trek Serie als Zugpferd für seine eigene Streaming Plattform. Weltweit wurde die Serie exklusiv an Netflix verkauft, weswegen sie in Deutschland erst einmal nicht frei empfangbar im Fernsehen zu sehen sein wird – auch der Pay-TV-Markt und andere Streaminganbieter gingen leer aus. Seit Montag sind nun die ersten beiden Folgen der neuen Serie auf Netflix abrufbar. Wie sind sie?

Der erste Offizier Michael Burnham (ja, trotz des Namens ist es eine Frauenrolle, gespielt von Sonequa Martin-Green, die für diese Rolle erst in The Walking Dead sterben musste) dient an Bord der USS Shenzou unter dem Kommando von Captain Georgiou (Michelle Yeoh). Aufgewachen unter Vulkaniern und aufgezogen von Sarek (James Frain) hatte sie zunächst Schwierigkeiten, sich wieder unter Menschen zu bewegen, konnte sich aber im Laufe der Jahre an die Crew gewöhnen. Als die USS Shenzou den Auftrag erhält, am Rande des Föderationsgbietes eine beschädigte Relais-Station zu überprüfen, kommt es nach über 100 Jahren zum ersten Kontakt mit dem klingonischen Imperium. Das will durch den Zusammenschluß aller Kriegerfamilien wieder zu alter Stärke gelangen.

Schon vor der Veröffentlichung gab es die ersten Fragezeichen. Eine fortlaufende Star Trek-Serie? Die Geschichte wird aus Sicht des ersten Offiziers erzählt und nicht aus der des Captains? Klingonen – schon wieder? Die Spock-Familie – schon wieder?

Bei manchen Punkten kann man Entwarnung geben – besonders der Perspektivwechsel zum ersten Offizier klappt dank Martin-Green ausgesprochen gut. Auf ihr liegt dann auch der Fokus des Serienauftakts. Ob das so bleibt oder es doch wieder eine klassische Ensemble-Serie wird, wird sich zeigen. Aber das sie von Sarek aufgezogen wurde, hätte nach den ersten beiden Episoden nicht unbedingt sein müssen, einen Mehrwert bietet das nicht. Die Klingonen als Gegner? Deren Kultur hat man durch TNG und DS9 schon oft genug gesehen, sie nun in andere Latex-Masken zu stecken, reißt es noch nicht raus. Dafür bindet man sich nur unnötig viel Star Trek Geschichte ans Bein, die es nun zu beachten gilt.

Aber ich fühlte mich mit den beiden ersten Folgen in den 90 Minuten gut unterhalten. Die Chemie zwischen Burnham, Georgiou und dem pessimistischen Lt. Saru (Doug Jones) stimmte und hatte was von der alten Kirk, Spock, McCoy Verbindung. Die Story um den Gegensatz zwischen Abschottung (Klingonen) und offener Gesellschaft (Föderation) hatte mehr zu sagen als die drei Abrams-Spielfilme zusammen, auch wenn es etwas mit dem Holzhammer kam. Die Action stimmte und die Verachtung der Klingonen für den Spruch “Wir kommen in Frieden” brachte mich wiederholt zum Schmunzeln.

Aber: Die ersten beiden Folgen sind auch ein Stück weit ein Beschiss. In den USA wurden sie im linearen Fernsehen auf CBS ausgestrahlt als Anreiz, deren Streaming-Dienst zu abonieren, wo nun die weiteren Folgen gezeigt werden. Und so ergeben die 90 Minuten einen schön TV-Film, besser als manche der Kino-Abenteuer, aber für Folge 3 wird einiges wieder auf Anfang gestellt. Die titelgebende USS Discovery wurde bisher nicht mal erwähnt, dessen Captain (Jason Isaacs) erst recht nicht. Die Pilotfolgen sind also denkbar ungeeignet, um die fertige Serie zu beurteilen.

Kleinigkeiten: Wer sich am Design stört und es nicht zwischen Enterprise und TOS verorten kann, ist arg kleinkariert. Der Vorspann ist ganz nett, auch wenn er optisch von Westworld inspiriert ist und die Musik noch etwas mehr Wumms hätte vertragen können. Und die Anzahl der genannten Executive Producer lässt schlimmstes befürchten.

Alles in allem war es aber ein guter Auftakt mit einer interessanten Story die zeigt, wie man ungewollt in einen Krieg hinein schlittern kann. Die bisherigen Hauptfiguren waren sympathisch und im Zusammenspiel gut und optisch hatte das sowieso Kino-Niveau. Die nächsten Folgen müssen nun aber auch die anderen Hauptfiguren etwas mehr beleuchten und vor allem den Klingonen als Hauptgegner ein paar neuere und interessantere Aspekte zu schreiben. Sonst hätte Martin-Green auch einfach weiter gegen Zombies kämpfen können.

Meine Wertung: 7 von 10 Punkte.

Weitere Kritiken: Robots & Dragons + Serienjunkies + Wortvogel + Teilzeithelden

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The Regrettes und SWMRS im Feierwerk (& Gewinnspiel)

Nach dem Konzert am Montag ging es am Dienstag im Feierwerk gleich weiter. Die Vorband hat eines meiner Lieblingsalben des Jahres veröffentlicht und die eigentliche Hauptband klang auch nicht so schlecht. Und da die kleinen Konzerte dort sehr bezahlbar sind, stand einem der Vorband geschuldetem Konzertbesuch nichts im Wege. Und am Ende des Beitrags gibt es noch ein wirklich kleines Gewinnspiel.

The Regrettes

Die Viererbande ist eine Punkrockband aus Los Angeles mit drei Frauen an den Gitarren und einem Herren an den Drums und machen ordentlich wumms. Sängerin Lydia Night hat eine tolle, kratzige Stimme, die Songs sind kurz, melodiös und eine Mischung aus Punk und 60er Jahre Rock’n'Roll. Seit den ersten youTube Clips war ich sehr begeistert von ihnen, das Album wurde dann rauf und runter gehört und nun spielten sie hier vor einem unerhört jungen Publikum. Man sah, viele kannten sie nicht, aber sie kamen gut an und spätestens als die Sängerin für ein Lied im Publikum auftauchte, hatten sie den Saal. Auch live mochte ich Lacy Loo sehr, A Living Human Girl und Juiceboy Baby standen dem aber in nichts nach. Und Hot als Abschluß sowieso. Leider hatten sie nur eine halbe Stunde, sie brachten aber trotzdem genug Songs unter.

SWMRS

Danach spielte die Hauptband des Abends, von der ich bis zu dem Auftritt nicht mal wusste, wie man den Bandnamen korrekt ausspricht (wer das grade gegoogelt hat: es heißt natürlich Swimmers). Ihr Album Drive North ist wirklich gut – sonst wäre ich nicht hier gewesen – und auch live können die was. Das junge Publikum ging ab wie sonst was, während ich weiter hinten bei den auf ihre Kids wartenden Eltern stand und ab und an mal kurz draußen war, um mir an der Bar ein Bier zu holen. Dort erfuhr ich auch, dass der Sohn von Green Days Billie Joe Armstrong in der Band mitspielte. Ja, das passte.

Die Band hatte zwei Sänger, punkige und etwas ruhigere Songs, für Abwechslung war also gesorgt, das finde ich ja relativ wichtig. Auf der Setlist fand sich alles vom Album wieder, was Rang und Namen hatte. Indiesongs in der Punkversion, so kam es mir vor, und dazu ein Ramones Cover. Es war ein ausgesprochen guter Abend.

Das Gewinnspiel

Nach dem Konzert hatte ich dann noch mein Fanboy-Moment mit den Regrettes. Sie standen nach dem Ende noch lange am Merch-Stand und wurden dort auch ziemlich belagert. Ich stellte mich mit in die Schlange, kaufte mir vor Ort noch einmal das Album und ließ es mir dann von der Band signieren, während wir ein paar Worte wechselten. “Great show.” “It’s your first time in Europe?”, “What’s your next stop on the tour?” – was man halt so fragt.

Da ich ihr Album Feel your feelings fool! ja nun doppelt habe, verlose ich die unsignierte Version. Zwar gebraucht, aber in sehr guter Verfassung. Wer die CD gerne haben möchte, schreibe mir einfach eine Mail an

gewinnen(at)nummerneun(punkt)de

First come, first win. Ganz einfach. Ich erwarte aber schon, dass ihr euch mindestens den youTube Clip von oben vorher anhört.

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Feel It Still

Das Konzert am Montag stand bei mir etwas auf der Kippe. Das lag nicht an Portugal, The Man, die in der Muffathalle spielten, sondern an der Bahn.

Ich war am Wochenende in der Heimat und hatte den Montag noch frei. Gegen Mittag fuhr ich mit der Bahn zurück und brauchte für die vier Stunden Strecke ziemlich genau sieben Stunden. Verpasste Anschlusszüge und komplette Streckensperrungen verhinderten eine stressfreie Rückfahrt. Fast hätte der Zug auch noch einen Umweg von Ulm über Ingolstadt nach München genommen, was noch mal mehr als eine halbe Stunde gekostet hätte, aber da waren wir wohl einer der ersten Züge, die Augsburg wieder passieren konnten. Um viertel nach sieben kam ich hungrig in der Wohnung an, holte mir erst einmal beim neuen Asiaten gegenüber etwas zu essen (ganz tolle Sommerrollen!) und fuhr dann zur Halle.

Als ich ankam spielte die Vorband bereits und ich musste mich durch die ausverkaufte Halle nach vorne zu meinen Freunden kämpfen. Bei so etwas immer an junge Frauen mit Bier hängen, die werden immer durch gelassen, die machen den Weg frei.

Als ich Portugal, The Man das letzte Mal sah, spielten sie im ausverkauften Strom, nun war es schon die wesentlich größere Muffathalle. Dabei ist ihre Bühnenshow (nennen wir es mal so) und ihre Musik doch gar nicht mal so mainstreamig. Vor einer großen Leinwand spielten sie im Halbdunkel ihr Set perfekt – man merkt, da sitzt jeder Ton – schraubten die Interaktion mit dem Publikum aber auf ein Minimum runter. Aber gut, das machen sie konsequent, muss ja auch nicht anders, das ist fair genug.

Sie fingen mit Pink Floyd‘s Another Brick In The Wall an, dass dann zu Purple Yellow Red And Blue kippte. Ihr aktueller Hit Feel It Still kam dann schon recht früh, war aber nicht ganz so poppig wie auf dem Album. Mir gefielen am Besten die Songs vom Evil Friends Album – auch wenn der Titeltrack nicht kam. Aber Modern Jesus, Hip Hop Kids und Creep In A T-Shirt gehen immer noch gut. Stimmungsmäßig war natürlich auch das Don’t Look Back In Anger Cover ganz groß, auch wenn ich als alter Oasis-Fan sagen muss, dass das allerdings etwas uninspiriert war. Und auf Church Mouth wartete ich vergeblich. Immerhin langte es dieses Mal zu einer Zugabe, das habe ich bei ihnen auch schon mal anders erlebt.

Insgesamt ein guter Konzert, man weiß was man bekommt, auch wenn sie ihren Stiefel einfach runterspielen. Aber auch das will gekonnt sein.

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Fantasy Filmfest 2017

Fantasy Filmfest Nummer 31!

An manchen Sachen fällt mir ja immer wieder auf, wie schnell doch die Zeit vergeht. Eine davon ist tatsächlich das Filmfest, was ich dieses Jahr nun bereits das achte Mal besucht habe. Mittlerweile hat es einen festen Platz in meinem Jahreskalendar und es macht nicht den Anschein, dass sich das so bald ändern wird.

Bereits das Screening der Trailer gehört im Vorfeld für mich dazu. Was ist alles dabei – was sind die offensichtlichen Highlights, was könnte noch gut sein und welche Exoten sind dabei? Das Programmheft ist dabei nur teilweise eine Hilfe, preist es doch alle Filme so an, wie früher die Reisekataloge noch die schlimmsten Hotels. Neben den Perlen gehört es dazu, dass man auch mal richtig grottige Filme erwischt.

In diesem Jahr war die Planung für mich etwas schwieriger. Einige Tage fielen für mich wegen dem Lollapalozza aus und am Abschlußtag war ich wegen einem Geburtstag in der Heimat. Die Nachmittagsfilme standen wegen der Arbeit sowieso nicht zur Wahl. Daher habe ich mit Colossal und 47 Meters Down zwei Filme verpasst, die ich eigentlich gerne gesehen hätte. Es waren trotzdem noch genug Filme, unter anderem ein anstrengder Dreierpack an einem Abend. Von Horrorclowns bis Riesenameisen, von Kannibalen bis Zeitreisen und von Hexen bis zu indischen Göttinnen war alles dabei.

Das hier war meine Auswahl, sortiert in chronologischer Reihenfolge:

IT (USA 2017) – 8 von 10 Punkten


Inhalt: “It” hat es auf Kinder abgesehen. Nicht nur, dass “It” in seiner Lieblingsgestalt als Horrorclown Pennywise (Bill Skarsgard) sich den kleinen Georgie geschnappt hat, nein, er terrorisiert auch dessen etwas älteren Bruder Bill (Jaeden Lieberher) und seine Außenseiter-Clique.

Fazit: Um es vorweg zu sagen – ich kannte vorher weder der Roman von Stephen King, noch den klassischen Film.  Regieseur Andrés Muschietti serviert uns eindrucksvolle Szenen rund um die Clique, in der sie mit ihren eigenen Ängsten, den Ängsten junger Teenager, konfrontiert werden. Das wirkt grade in der ersten Hälfte sehr episodenhaft – bis sich schließlich die Zusammenhänge etwas mehr erschließen. Die Kids sind gut gecastet, Skarsgard mit ordentliche Effektunterstützung als Horrorclown beängstigend, nur die jugendlichen Gegenspieler wirken so plastisch wie ein Abziehbild. Der Film funktioniert dank der vielen Jump-Scares gut, die dahinter liegende Coming-of-Age Story war in Stand By Me allerdings klarer. Aber vielleicht holt das der geplante zweite Teil dann nach. Gute Horror-Unterhaltung, der das Zeug zum Klassiker fehlt.

The Autopsy of Jane Doe (USA/GB 2016) – 8 von 10 Punkten


Inhalt: Kurz vor Feierabend in der Pathologie bekommen Vater (Brian Cox) und Sohn (Emile Hirsch) noch einen Fall rein. Eine junge Frauenleiche wurde unter mysteriösen Umständen im Keller eines Hauses gefunden. Äußerlich zwar unversehrt, stoßen sie bei der Obduktion auf immer mysteriösere Details.

Fazit: Ein typischer Film für das Filmfest. Eine kleine Produktion mit wenigen Schauspielern und einem begrenzten Setting reichen, um eine gute Geschichte zu erzählen, wenn sie gut inszeniert ist, so wie diese hier von André Ovredal. Die beiden Hauptfiguren sind sympathisch und die Obduktion sorgt schon für etwas Gänsehaut. Der Film ist dabei mehr Thriller als der angekündigte Horror und ist grade dadurch in den ersten beiden Dritteln stärker. Den Mystery-Touch am Ende hätte es gar nicht unbedingt gebraucht.

Raw (F/B/I 2016) – 7 von 10 Punkten


Inhalt: Die junge Justine (Garance Marillier) beginnt ihr Studium als angehende Veterinärmedizinerin. Doch gleich die erste Woche wird für sie zum Spießrutenlauf, muss sie doch die zahllosen Rituale als Frischling überstehen. Angestachelt von ihrer großen Schwester (Ella Rumpf) bricht sie ihren Kodex als Vegetarierin und entwickelt danach eine völlig unbekannte Lust auf Fleisch und Blut.

Fazit: Ein Film mit vielen Ekelszenen, die einem definitiv im Kopf bleiben. Je näher diese an der Realität bleiben, um so wirkungsvoller. Dahinter verbirgt sich aber die Geschichte, wie sich Justine von ihrem Elternhaus abnabelt und ihre eigene Identität entdeckt. Das ganze eingebuden in einer Bildsprache, die den Film auch arte-kompatibel machen. Die beiden Hauptdarstellerinnen geben alles – aber das ihre Umwelt nur so halbwegs erschüttert reagiert, ist etwas seltsam. Auch der Auslöser für Justines Wandel wirkt etwas schwach. Und die finale Szene bietet zwar noch eine Erklärung, fühlt sich aber wie ein unmotiverter Nachdreh an.

Reset (China 2017) – 6 von 10 Punkten


Inhalt: In einer nahen Zukunft arbeitet die Wissenschaftlerin Xia Tian (Yang Mi) an einem Projekt, das Zeitreisen möglich machen soll. Als ihr kleiner Sohn entführt wird und die Gangster durch ihn die Firmengeheimnisse erpressen wollen, bricht für Xia eine Welt zusammen. Früher als gedacht wird sie nun das erste menschliche Versuchsobjekt der Zeitreisen.

Fazit: Endlich mal wieder richtige Sciene Fiction auf dem Filmfest! Kommt ja leider viel zu selten vor. Was die Chinesen hier liefern, sieht schon sehr hochwertig aus. Die Wandlung von Xia von der braven zur rachsüchtigen Mutter wird hier visuell sozusagen mit dem Holzhammer gezeigt. Wer allerdings einen Zeitreise-Thriller erwartet, wird etwas enttäuscht sein. Stattdessen wandelt sich der Film eher zu einem harten Rachefilm, dessen kawummige Action dem anfangs seriösen Science-Effekt entgegen steht.

Replace (D/CDN 2017) – 4 von 10 Punkten


Inhalt: Die junge Kira (Rebecca Forsythe) leidet unter einem seltsamen Syndrom – ihre Haut altert und vertrocknet quasi im Zeitraffer. Da ihr Arzt Dr. Crober (Barbara Crampton) ihr nicht richtig helfen kann, findet Kira eine andere Lösung: Die Ersatzhaut von jungen Frauen.

Fazit: Das positive mal vorweg: Die halb-deutsche Produktion inszeniert die Häutung tatsächlich ziemlich gruselig. Ich kann mir ja vieles anschauen, aber wenn sich eine junge Frau so kratzt und die Haut abpickelt, schaudert es mich. Auch der Soundtrack ist präsent und vermittelt eine gewisse Stimmung. Die Story kann da leider nicht mithalten und ist teilweise ziemlich unfokussiert. Kira findet eine grausame, aber wirkungsvolle Heilungsmethode, in dem sie andere Frauen tötet? Das sorgt bei ihr für keine Regung – weder Freude, noch Überwindung. Die Nachbarin (Lucie Aron)? Nervig. Das Verhalten und die Dialoge der jungen Frauen? Man merkt, ein Mann hat sie geschrieben. Oder liebe mitlesenden Damen: Hand hoch – wer von euch putzt in Unterwäsche? Und leider beschäftigt sich das letzte Drittel des Films mit einem Aspekt, der nun wirklich uninteressant war – nur um noch ein paar Blutfontänen unterzubringen. Schade, aber zu mehr als einem guten Trailer reichte der Film nicht.

It Came From The Dessert (CDN/GB/FIN 2017) – 5 von 10 Punkten


Inhalt: Als der schüchterne Brian (Harry Lister Smith) und sein nicht besonders heller Bruder Lucas (Alex Mills) in der Wüste von New Mexiko mit ihren Motocross Freunden eine Party schmeißen wollen, geraten sie an vom Militär genetisch modifizierte Riesenameisen. Können sie ihre Freunde und ihr Bier beschützen und die Ameisen aufhalten?

Fazit: Man bekommt den zu erwartenden Trash geliefert. Regisseur Marko Mäkilaakso liefert das, was so ein Film braucht: Sympathische Helden, die bei der Bedrohung durch preiswert animierte Riesenviecher über sich hinaus wachsen. Der Film wirkt allerdings oft genug wie eine Studentenarbeit und trieft nur so von Klischees. Zwar nimmt er sich dabei selbst oft auf die Schippe, hat man aber auch schon konsequenter gesehen. Und wo der Film für mich leider völlig versagt: Auch wenn der Film natürlich lustig sein soll, nimmt er seine Hauptfiguren einfach nicht ernst und lässt sie die blödestend und unpassendsten Dinge sagen. Das haben zum Beispiel Big Ass Spider vor ein paar Jahren oder sogar die Sharknado Filme wesentlich besser gemacht. Die Grundsympathie für den Film kann das allerdings nicht kaputt machen.

The Vault (USA 2017) – 7 von 10 Punkten

Inhalt: Die Dillion Geschwister (rund um Tarynn Manning und Francesca Eastwood) sind Bankräuber. Während eines Großbrandes in der Nachbarschaft marschieren sie in Feuerwehrmontur in die Bank und nehmen Angestellte und Gäste als Geisel. Dumm nur, dass der Tresor recht wenig hergibt. Zum Glück verrät ihnen eine der Geiseln (James Franco), wo es mehr gibt: Unten, im Keller. Aber dort fangen die Probleme erst richtig an.

Fazit: Auch wenn der angekündigte, größte Genretwist seit From Dusk Till Dawn dieses Versprechen nicht ganz einlöst, zündet die Geschichte. In der engen Location wächst minütlich der Druck auf alle Beteiligten. Das Kammerspiel um die überforderten Gangster funktioniert. Als die Bankräuber dann schließlich den Keller betreten kippt das ganze allerdings dann doch nicht richtig in das Metier Horror, bietet aber wenigstens einige Schauermomente und dezimiert die Bande auf die wesentlichen Figuren. Mit der Erklärung am Ende kann man leben, sie wirkt nicht so angeklatscht wie bei Raw.

The Night of the Virgin (Spanien 2016) – 7 von 10 Punkten

Inhalt: Bei Möchtegernaufreißer Nico (Javier Bódalo gibt alles in dieser Rolle) soll es an Silvester endlich soweit sein – eine Nacht mit einer Frau. Nach einigen gescheiterten Aufreißversuchen wickelt ihn die etwas ältere Medea (Miriam Martín) um den Finger und schleppt ihn mit nach Hause in ihr versiffte und mit Kakerlaken verseuchte Wohnung. Hätten ihm Statue der Männerhasser-Göttin Naoshi oder der Kelch mit Menstruationsblut im Bad eine Warnung sein sollen auf das, was dann kommt?

Fazit: Oh mein Gott. Oh mein Gott! Was anfängt, wie eine fade, spanische Version von American Pie, kippt spätestens nach der Hälfte des Films in eine abartige Tour de Force für Nico. Am Ende sind Wohnung und Hauptfiguren voller Körperflüssigkeiten und spätestens DIE Szene des Film kocht selbst den hartgesottensten Kerl weich. Das ist abstoßend und eklig – aber man bleibt dran.Das war also meine Auswahl in diesem Jahr. Insgesamt war ich recht zufrieden. Ich habe ein breites Spektrum an Genres gesehen und richtige Ausfälle waren dieses Mal selten, fast alles hatte seine Berechtigung. Die besten Filme sah ich bereits am Anfang – das war neben dem überall schon hochgelobten It, das in München als Deutschland-Premiere lief, auch die kleine und klassische Produktion The Autopsy of Jane Doe.

Wer weitere und ausführlichere Reviews lesen möchte, der sei an den Wortvogel verwiesen, der sich fast das ganze Programm gegeben hat.

Auf Zeitreise: FFF2016 – FFF 2015 – FFF 2014FFF 2013FFF 2012FFF 2011FFF 2010

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Lollapalooza Berlin – 2017

Der große Festivalgänger war ich ja nie und eigentlich dachte ich, meine Festivalzeit wäre mittlerweile auch ganz vorbei. Aber dann kam im vergangenen Jahr der kurze Besuch auf dem Sziget, das mich wieder etwas auf den Geschmack gebracht hatte. Dieses Jahr stand das Programm beim Lollapalooza schon recht früh fest, es ist ein Festival in einer Stadt – man muss also nicht zelten – und plötzlich waren die Tickets gekauft. Mein dritter Besuch in der Hauptstadt in diesem Jahr.

Die Location

Es scheint eine kleine, aber ungewollte Tradition zu sein, dass das Lollapalooza innerhalb Berlins jedes Jahr die Location wechselt. In diesem Jahr machte der Zirkus auf der Rennbahn Hoppegarten halt, was schon eigentlich nicht mehr zu Berlin gehört. Das Areal war aber schön ausgewählt und bot reichlich Platz für die verschiedenen Bühnen und Aktionsflächen. Auch die Tribüne der Rennbahn wurde mit einbezogen. Die eine Seite war für VIPs und die Presse vorgesehen, die andere Hälfte stand aber jedem frei. Von hier hatte man einen guten Blick über das ganze Gelände. Hinter der Tribüne wurde auch die original Infrastruktur der Anlage genutzt: Ein sehr schöner Innenhof mit Ständen, Bierbänken und ein kleiner Gartenpavillon. Insgesamt fand man überall in der Anlage einige ruhige Flecken.

Der Samstag

Am Samstag waren wir recht früh auf dem Gelände, da wir nicht genau wussten, wie lange alles dauern würde – und dann lief es sehr glatt durch und wir waren bereits um kurz nach zwölf drin. Kurz einmal das Gelände inspizieren und dann ging es auch schon gleich los mit Roosevelt. Kannten wir nicht, aber die Jungs haben uns schnell überzeugt. Alle in weiß angezogen brachten sie die 80er Jahre wieder zurück. Als nächstes hörten wir uns Bear’s Den an – die gingen so, klangen halt sehr nach Mumford & Sons, ohne deren Klasse zu haben.

Dummerweise haben wir danach die Zeit für den Wechsel der Bühnen unterschätzt, so haben wir es nicht ganz rechtzeitig zur Main Stage und Wanda geschafft. Es blieb uns nur ein Platz etwas weiter hinten, wo die Stimmung leider nicht ganz so rüber kam. Schade. Im Anschluß waren wir schlauer, gingen ein paar Minuten früher, aber dafür zügig zur Alternative Stage. Hier traten nun The Vaccines auf und erinnerten mich daran, wie gut doch ihr Debutalbum damals war. Die neuen Sachen hielten da nicht ganz mit und der Sänger polarisierte etwas mit seiner gespielten Rockstar-Attitüde – aber stimmlich ist er halt wirklich top.

Zu den Beatsteaks holten wir uns dann etwas zum futtern und hörten ihnen von weit hinten zu. Und als danach dann viele zu Marteria gingen, sicherten wir uns tolle Plätze nah an der Bühne für Mumford & Sons, was dann auch das Highlight des Festivals werden sollte. Little Lion Man und I Will Wait gehen halt immer und White Blank Page ist ne sichere Bank. Der Südafrikaner Baaba Maal begleitete sie bei einigen Songs, das holte mich allerdings leider nicht ab. Es blieb aber trotzdem ein Wahnsinns-Konzert, überall sah man nur glückliche Menschen.

Der Two Door Cinema Club im Anschluß wollte danach als Rausschmeißer nicht mehr so richtig zünden.

Die Verpflegung und die Bezahlung

Entgegen vieler anderer Meinung in den Netzwerken hatten wir wenig Probleme mit der Verpflegung. Bezahlt wurde mit einer Chipkarte, die am Festivalbändchen hing. Wir hatten uns jeweils 50 € darauf geladen und kamen damit die beiden Tage gut hin. Das hat gereicht für: Einen Burger mit Pommes (natürlich), ein paar Empanadas und eine ehrliche Bratwurst. Dazu gab es Cola und einige Bier.

Das Wetter

Am Samstag hat es bis zum späten Nachmittag ein wenig genieselt, danach war es aber trocken, wenn auch etwas frisch. Der Sonntag brachte dann bestes Festivalwetter mit Sonnenschein und zwanzig Grad.

Der Sonntag

Den Sonntag gingen wir dann etwas entspannter an, hier lief nicht so viel, was wir unbedingt sehen wollten. Und so entdeckten wir am Anfang die Tribüne der Rennbahn für uns und genossen den Überblick über das wuselige Festival. Und staunten nicht schlecht, als wir von hier aus sahen, dass auch Perry’s Stage, die DJ Bühne, gut besucht war. Aber Westbam zieht wohl die Berliner. Wir hörten eher Django Django zu, auch wenn der Ton durch die Entfernung nicht besonders gut war. Deshalb lieber wieder runter und weiter zur Alternative Stage, wo Metronomy auftraten. Kannten wir auch wieder nicht, entpuppte sich aber als ganz nett, das was die Band mit ihrem verspielten Synthy-Indiesound boten. Mehrere Gesangsstimmen, die Keyboarder performten, am Ende war es mir aber etwas zu viel Schnörkel um die Songs. Da waren Annemaykantereit danach auf der Main Stage direkter auf den Punkt, auch wenn ich dank der schnodderigen Texte und Ansagen zwischen den Songs wohl in diesem Leben kein Fan der Band mehr werden werde. Aber die Stimme ist natürlich klasse und wenn man dazu entspannt auf der Wiese sitzt, macht man nichts falsch.Auf gut Glück machten wir uns im Anschluß auf den direkten Wege zurück zur Alternative Stage – immerhin ging es darum, Cro zu vermeiden – und hörten London Grammar. Gänsehautsound! Sängerin Hannah Reid hat das Publikum in ihrem Bann. Was bei der ruhigen, bedeutungsschweren Musik kein Selbstgänger ist, aber die Zuschauer waren artig und lauschten.

Noch ganz gefangen von der Band war es schwer, sich im direkten Anschluß dann auf die Foo Fighters einzustellen. Nach vorne kam man eh nicht mehr, also machten wir es wie bei den Beatsteaks am Vortag und hörten von hinten zu. Und wer sein Konzert mit All My Life, Learn To Fly und The Pretenders beginngen kann, ist zu Recht eine Band dieser Größe. Bis an die hinteren Ecken des Areals wurde zugehört, das hier war eindeutig der Headliner des Festivals. Nur – wir waren emotional durch, lauschten noch ein wenig und machten uns dann bereits vor Ende des Konzertes auf den Heimweg.

Das Chaos drumherum

Weswegen das Festival aber bei vielen im Kopf bleiben wird, sind die chaotischen Zustände bei der Abreise. Während wir auf den beiden Hinfahrten immer gut durch gekommen sind, war die Abreise am Samstag völlig indiskutabel. Sicher ist es nicht einfach, über 80.000 Menschen in kurzer Zeit weg zu bekommen – aber dann darf man es nicht in dieser Location veranstalten.

Es gab eine S-Bahn Station in der Nähe, die aber hoffnungslos überlastet war. Und die Shuttlebusse waren nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, damit bekommt man die Leute nicht schnell weg. Wir warteten ewig lange darauf, überhaupt das Gelände in Richtung Busse verlassen zu dürfen, ohne das wir wussten, wann es weiter ging. Immer mehr – wir auch – entschieden sich stattdessen dafür, das Gelände über den PKW-Parkplatz zu verlassen, um dann auf dem Weg dorthin die Pferderennbahn verbotenerweise zu überqueren und über die Straße zu den Bussen zu gelangen. Diese kamen wenigstens kontinuierlich und jeder war froh, wenn er erst einmal drin war. Wohin sie fuhren, das wusste keiner so genau, hauptsache erst einmal weg. Unserer brachte uns zu einer weiteren S-Bahn-Station von der aus es dann relativ entspannt zurück in die Stadt ging. Insgesamt brauchten wir über zwei Stunden für die Heimweg, manche wohl eher drei oder vier. Auch dank dieser Erfahrung gingen wir am Sonntag etwas früher, womit wir nicht die Einzigen waren.

Trotz allem war es ein gelungenes Festival in einer schönen, aber schlecht angebundene Location. Gute und reibungslose Konzerte, einen richtigen Ausfall hatten wir nicht erlebt. Wäre eine Überlegung wert, das im nächsten Jahr zu wiederholen – dann im Berliner Olympiapark.

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