Lew Tolstoi – Krieg und Frieden (Band I, 1868)

Krieg und Frieden von Lew Nikolajewitsch Tolstoi gilt als eines der größten Werke der Weltliteratur. Und wahrscheinlich auch als eines der umfangreichsten. Die finale Ausgabe, die Tolstoi vor ziemlich genau 150 Jahren fertig gestellt hat, umfasst insgesamt vier Bücher und einen Epilog. In der mir vorliegenden Ausgabe (die deutsche Übersetzung von Barbara Conrad von 2010) sind diese Bücher auf zwei Bände aufgeteilt, die zusammen etwas mehr als 2.000 Seiten stark sind. Band 1 mit den ersten beiden Büchern habe ich nun geschafft, Zeit für die erste Rezension.

Erstes Buch

Juli 1805. Russland bereitet sich auf den Krieg gegen Napoleon vor und beruft die jungen Männer zum Heer ein. Das Thema überschattet die vielen Empfänge des Adels, die in Saus und Braus leben und damit im starken Kontrast zum entbehrungsreichen Leben an der Front. Der Krieg läuft allerdings schlecht, die Franzosen rücken immer weiter vor und die Kriegslust der Russen schwindet, je realer der Krieg für sie wird.

Das erste Buch wusste sehr zu überzeugen. Der Wechsel zwischen dem Leben und den Problemchen des russischen Adels mit ihrer Kriegseuphorie auf der einen Seite und der russischen Kriegsfront mit seiner brutalen Realität auf der anderen Seite, das sitzt. Wie leicht es ist, aus einer priviligierten Situation die großen Themen zu diskutieren, die das Leben anderer betrifft. Und merkt man dem Adel ihre First World Problems mehr als deutlich an, diese gab es anscheinend schon damals. Auf der anderen Seite das gemeine Fußvolk, dass euphorisch in den Krieg zieht und den großen Zar bewundert, bis es merkt, dass die harte Realität an der Front alles andere als glamourös und heldenhaft ist. Als hier der junge Nikolai in seine erste Schlacht zieht und verwundet und desilussioniert zurück kehrt, das bleibt schon hängen.

Zweites Buch

Nach der Niederlage in Austerlitz, für die man vor allem den Verbündeten aus Österreich die Schuld gibt, befinden sich die Offiziere für ein Jahr auf Heimaturlaub, wo das gesellschaftliche Leben wieder zurück zur Normalität findet. Eine der Hauptfiguren ist Pierre, der in ein Duell auf Leben und Tod hinein gerät und sich wenig später dann den Freimaurern anschließt. Außerdem verfolgen wir die junge Natascha, die in die feine Gesellschaft eingeführt wird und sich dabei Hals über Kopf verliebt. Mehrfach. Währenddessen muss sich die Armee mit enormen Versorgungsproblemen abfinden.

Der zweite Teil gefiel mir nicht ganz so gut wie der erste, was vor allem an der geänderten Gewichtung lag. Es ging sehr viel mehr um die persönlichen Liebesdramen der Adelsfamilien, auch der Ausflug zu den Freimaurern nimmt einiges an Platz ein. Zwar ist es ganz interessant zu lesen, wie Pierre daraufhin versucht, an seinen geerbten Besitztümern alles zum Wohle seiner Bediensteten und der einfachen Leute zu verändern (und scheitert, weil gut gemeint dann doch was anderes als gut gemacht ist), aber so richtig wollte das für mich nicht in den Roman passen. Dagegen fallen die Szenen an der Front bzw. im Heer etwas kürzer aus, so ist es wohl in Friedenszeiten. Sie sind aber nach wie vor recht eindrücklich, wenn es darum geht, die Verpflegungssituation zu verbessern oder wie das Heer auf das neue Abkommen zwischen ihrem Zaren und den Franzosen reagiert. Insgesamt tut es dem zweiten Buch aber ganz gut, sich auf wenigere zentrale Figuren zu konzentrieren, während es bei den Nebenfiguren nach wie vor schwierig ist, den Überblick zu behalten.

Wikipedia spricht bei Krieg und Frieden von einem Historiengemälde und das kann ich nach ungefähr der Hälfte des Werkes nachvollziehen. Es ist eine Verknüpfung von historisch korrekten Geschehnissen mit fiktiven Figuren und Handlungen, was letztlich dazu führt, die russische Feudalgesellschaft sowie das Leben an der Front in vielen Facetten abzubilden. Leider fehlt mir bisher noch etwas der Blick aus der Sicht der einfachen Leute und der Bediensteten, um das Gesamtbild abzurunden. Beide Teile ließen sich sehr flüssig lesen, die Neu-Übersetzung ist hier definitv gelungen und lässt den Werk in frischem Licht erstrahlen. Man hat nie den Eindruck, eine 150 Jahre alte Geschichte zu lesen. Im Gegenteil, manchmal ist man wirklich überrascht, wenn einen Pferdekutschen und Etikette daran erinnern, dass das in einer vergangene Epoche spielt. Die großen Themen bleiben halt einfach aktuell.

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