Jonathan Franzen – Anleitung zum Alleinsein (2002)

Von Zeit zu Zeit nehme ich mir vor, von Autoren, von denen mir bereits Romane gefallen haben, weitere Bücher zu lesen. Das ist mein persönliches: “Wenn sie das mochten, mögen sie auch…” Vor einigen Jahren gefiel mir der Roman Freiheit von Jonathan Franzen ausgesprochen gut. Die Zeit war nun fällig, um sich ein weiteres Werk von Franzen anzuschaffen. Meine Wahl fiel auf Anleitung zum Alleinsein, des Titels wegen.

Was mir vorher nicht ganz klar war: Bei dem Buch handelte es sich nicht um einen Roman, sondern um eine Sammlung von Essays, die Franzen im Laufe einiger Jahre verfasst hatte. Muss man wissen. Oder damit umgehen können. Also fing ich an zu lesen.

Sehr selbstreflektiert beschäftigt sich Jonathan Franzen in seinen Essays mit der Rolle von Literatur und Autoren in der modernen Gesellschaft – Literatur als Selbstbestätigung für eine elitäre Gruppe oder als Unterhaltung für die Masse? Er erzählt aber auch von seiner familiären Situation, dabei besonders eindrucksvoll, als er über die Alzheimererkrankung seines Vaters schreibt.

Stellenweise merkt man der Sammlung das Alter der Texte leider an, nicht alle Themen oder Aspekte sind zeitlos – und förderlich ist dem auch nicht grade, dass Franzen selbst ein Mann ist, der dem technischen Wandel nicht grade aufgeschlossen ist. Er hängt an seiner alten Schreibmaschine, spricht mit Freuden über sein altes Telefon mit Wählscheibe und verteufelt das Fernsehen als sinnbefreite Berieselung. Seine Einstellung zum Thema Social Media lässt sich dadurch bereits erahnen. Immerhin schrieb er schon damals über die Auflösung der Grenze zwischen öffentlichem und privatem und dem Datenschutz.

Franzen erzählt jedoch so flüssig und wortgewandt, so persönlich und gut recherchiert, dass es immer unterhaltsam bleibt. Er kann über das amerikanische Postsystem schreiben und man bleibt interessiert dran. Er gibt einen Exkurs, warum sich Städte in den USA und in Europa unterschiedlich entwickelt haben und Einblicke in Hochsicherheitsgefängnis in den USA. Nicht die naheliegendsten Themen, aber er schafft es, den Leser dafür zu begeistern.

Leider sind die langweiligsten und unbedeutendsten Texte am Ende der Sammlung einsortiert, das hätte man von der Dramaturigie her sicherlich besser lösen können. Aber dafür wurde man vorab schon mit einigen sehr persönlichen Texten und sehr interessanten Ansichten entschädigt. Abwechslungsreich, interessant und zum Nachdenken anregend, so kann man seine Anleitung zum Alleinsein beschreiben. Und am Ende bleibt der Wunsch: Man möchte selbst solche Essays schreiben können, so wie Jonathan Franzen.

(Eine andere Rezension findet man bei Literatur & so – zusammen mit einer Übersicht der Essays)

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