Der Monatsrückblick November 2019

Morgen ist der erste Advent! Dann geht es endgültig vorbei mit diesem Jahr, der Countdown ist eingeläutet. Der November war noch mal recht grau in grau. Das wird sein Image-Problem nicht beseitigen! Mir brachte er zwei Ausflüge ein: Zum einen nach Marrakesch zu Begin des Monats, zum anderen nach Karlsruhe, wo ich im Moment grade bin. Was es dazwischen alles gab, lest ihr in diesem Eintrag.

*** Filme ***

Im Kino gab es diese beiden Filme – aus Deutschland und aus Frankreich – für mich:

Das perfekte Geheimnis 8 von 10

Der Vergleich mit Der Vorname, eine der besten deutschen Komödien der letzten Jahre, liegt auf der Hand. Enges Setting, gemeinsames Abendessen unter Freunden, Eskalation. Das Rezept funktioniert auch hier gut, auch wenn die Handlung deutlich konstruierter wirkt als bei Der Vorname. Auch dauert es recht lange, bis das gezeigte Spiel in Gang kommt. Die sich anbahnenden Dramen bieten dann wenig Abwechslung, jede der Hauptfiguren kommt der Reihe nach dran und muss sich meistens wegen irgendwelchen geheimen Liebschaften rechtfertigen – die Konflikte mit anderen Themen werden dagegen recht schnell abgefrühstückt. Letztlich ist es aber eine Komödie und die unterhält über die zwei Stunden Laufzeit gut, das Kinopublikum litt hörbar mit, was will man also mehr? Die Darstellerriege (um mal alle aufzuzählen: Herfurth, M’Barek, Fitz, Haase, Lau, Schwarz und Möhring) reißt es raus mit ihrem sympathischen Spiel und bringt glaubhaft eine gewisse Freundschaft rüber.

Porträt einer jungen Frau in Flammen 7 von 10

Ein Kostümdrama ohne große Kostüme. Ein Aussteigerfilm. Ein Kunstfilm. Ein Film von Frauen über Frauen. Es gibt viele Eigenschaften, die diesen Film zu etwas Besonderem machen. Vielleicht das wichtigste vorweg: Trotz einer Laufzeit von zwei Stunden und nur drei Darstellern vor karger Kulisse wird er nie wirklich langweilig. Der Film lässt den Zuschauer sich mit Kunst, Malerei und Beobachtungsgabe beschäftigen, was er sonst wohl nie tun würde. Noémie Merlant wird auf der Leinwand zu einer Malerin, ihr zuzuschauen hat fast etwas von Bob Ross. Und die Blicke, die sie Adèle Haenel zu wirft dringen bis in den Kinosaal durch. Warum es trotzdem nicht zu einer besseren Bewertung gereicht hat? Nun, die Handlung ist so simpel wie vorhersehbar, der Trailer verrät im Grunde schon alles. Da hätte tatsächlich etwas mehr passieren dürfen bzw. vielleicht etwas mehr überraschendes.

Sonstso – In der heimischen Flimmerkiste gab es, von alt nach jung sortiert:

Jerry Maguire – Spiel des Lebens (1996, Sky Cinema Emotion) bleibt auch beim X-ten Mal sehen ein Gute-Laune-Film mit den glänzend aufgelegten Tom Cruise und Cuba Gooding Jr..

No Country for old Men (2007, DVD) war auch beim zweiten oder dritten ansehen immer noch ein ziemlich spannender Film mit überragenden Darstellern. Vielleicht der beste Film der Coen-Brüder.

Die Agatha Christie Verfilmung Das krumme Haus (2017, Sky Cinema) ist eine eher fade Geschichte mit Max Irons als junger Privatdetektiv, das offensichtlich schnell nach dem Erfolg von Mord im Orient-Express produziert wurde, ohne aber dessen Qualität zu erreichen. Immerhin war das Ende stark.

Der nach wahren Begebenheiten entstandene White Boy Rick (2018, Sky Cinema) ist ein weiterer Vertreter des Gangster-Films, dieses Mal aus Sicht eines Teenagers (Richie Merritt), der mich fragen lässt, warum ich mir dieses Genre noch anschaue. Da hat man eigentlich schon alles gesehen.

Der Historien-Schinken The King (2019, Netflix) fängt etwas behäbig und austauschbar an, steigert sich aber im letzten Drittel mit der großen Schlacht noch einmal deutlich.

*** Serien ***

Jeder kam in diesem Moant zu seinem Recht: Pay-TV, Free-TV, Streaming und sogar das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Und die Bewertungen gehen von 4 bis auf 9 Punkte. Große Spannbreite also, auch was die Genres angeht.

Childhood’s End (Staffel 1 / 3 Folgen – RTLzwei) – 7 von 10

Eine Alien-Invasion auf der Erde! Aber – oh Wunder – die Welt stürzt nichts ins Chaos, sondern die Außerirdischen sorgen für Frieden auf der Erde. Sie selbst zeigen weder sich noch ihre Absichten offen, sondern nutzen zur Kommunikation mit den Menschen den Farmer Ricky (Mike Vogel). Erst nach einigen Jahren geben sie sich zu erkennen. Die Mini-Serie hat einige Jahre gebraucht, bis sie ihren Weg nach Deutschland fand. Und man muss zugeben: Das hat optisch grade mal den Charme von TV-Movies aus den 1990ern, mit aktuellen Blockbuster-Filmen oder High-End Serien kann das hier nicht mithalten. Aber es kommt ja auf die Story an, und dabei hat man sich an einem Roman von Arthur C. Clarke orientiert, einem der großen des Science-Fiction Genres. Und das machte sich bezahlt, die Geschichte ist wirklich interessant geraten und bietet einige bemerkenswerte Entwicklungen und Twists, die ich aus Spoiler-Gründen hier nicht verraten möchte. Eine Bereicherung für das Alien-Invasion Szenario, das man gerne auch etwas größer hätte inzenieren dürfen.

The End of the F*** World (Staffel 2 / 8 Folgen – Netflix) – 8 von 10

Für diese Fortsetzung musste sich Netflix viel Geschimpfe anhören, war doch die erste Staffel nah an der Perfektion und bot ein stimmiges Ende. Nun also Staffel 2, die wohl keiner richtig wollte. Aber: Sie ist tatsächlich richtig gut geworden! Zu den beiden Hauptfiguren James (Alex Lawther) und Alyssa (Jessica Barden) gesellt sich Bonnie (Naomi Ackie), die sich an den Beiden für den Tod ihres Liebhabers rächen möchte. Dieser zusätzliche Blickwinkel tut der Serie gut, Tempo, Witz und Soundtrack bleiben auf dem hohen Niveau. Nur der Überraschungseffekt der ersten Staffel fehlt etwas.

Hindafing (Staffel 2 / 6 Folgen – Arte) – 7 von 10

Die Mühlen bei den Öffentlich-Rechtlichen mahlen bekanntermaßen etwas langsamer und so dauerte es nun über zwei Jahre, bis die zweite Staffel der Serie folgen konnte. Mittlerweile ist Alfons Zischl (Maximilian Brückner) im bayerischen Landtag angelangt und vertritt nun von München aus die Interessen seiner Heimatgemeine Hindafing. Und als er mitbekommt, dass ein mittelständisches Unternehmen von dort kurz vor der Pleite steht, setzt er natürlich alles daran, die Firma zu retten. Dumm nur, dass er erst später mitbekommt, dass es sich um eine Waffenfirma handelt, die anscheinend minderwertige Produkte herstellt. Aber so ein Politprofi wie er läßt sich davon nicht beirren und so verstrickt er sich bei der Lösung des Problems immer tiefer in seine Lügen und seine gescheiterten Pläne. Auch die zweite Staffel der Satire ist für einige Lacher gut und bietet so einige überraschende Wendungen. Der dörfliche Charme der ersten Staffel fehlt aber völlig, wodurch einiges an Atmosphäre verloren geht. In der großen Stadt ist Zischl nur noch einer von vielen Karrieretypen und droht so, etwas unterzugehen. Schade, da hat man nicht immer die richtigen Stellschrauben erwischt. Eine dritte Staffel darf es aber trotzdem gerne geben.

Killjoys (Staffel 5 / 10 Folgen – Syfy) – 6 von 10

Die finale Staffel rund um die galaktischen Kopfgeldjäger (Hannah John-Kamen, Aaron Ashmore und Luke Macfarlane) ist zum Glück wieder etwas besser als die letzte, was vor allem am Witz und dem sympathischen Zusammenspiel der Huaptfiguren liegt. Ansonsten liefert auch diese Staffel wieder das bekannte Shoot & Run der Vorgängerstaffeln, bei dem großen Handlungsbogen mache ich mir schon länger keine Mühe mehr, ihn zu verstehen. Aber es scheint mir so, als hätte man es am Ende wieder halbwegs gut zusammen gebracht.

Krieg der Welten (Staffel 1 / 8 Folgen – FOX Serie) – 6 von 10

Im Gegensatz zu Childhood’s End hat diese Serie recht wenig aus der sehr viel bekannteren Vorlage gemacht. Man hat eher den Eindruck, viel mehr als den Titel hatte man nicht eingekauft, der Rest ist eine Alien-Invasion, die man schon deutlich besser gesehen hat. Außerirdische greifen die Erde an, mit Hilfe von elektromagnetischen Strahlen töten sie alle Menschen, die sich nicht rechtzeitig unter der Erdoberfläche schützen konnten. Die Serie folgt den Überlebenden in einer Gruppe in London (rund um Gabriel Byrne) und einer Gruppe in den französischen Alpen (mit der Zivilistin Catherine Durand und jede Menge Militär, aber es ist eine tolle und unverbrauchte Location). Die Außeriridischen treten nur in Gestalt von – sagen wir mal – roboterhaften Hunden auf und werden so eingesetzt wie Zombies in The Walking Dead: Immer nur dann, wenn es für die Spannung grade passt. Letztlich ist es einfach schade, dass man aus dem großen Namen so wenig gemacht hat. Das Eigene dieser Version bietet dagegen nicht mehr als routinierte Unterhaltung, die nur überschaubar Spannung und Drama generiert. Dann doch lieber die 2005er Verfilmung mit Tom Cruise, da gibts wenigstens Action.

Slasher (Staffel 3 / 8 Folgen – 13th Street) – 4 von 10

Die ersten beiden Staffeln gefielen mir ja tatsächlich ganz gut – aber die dritte Staffel ist leider Murks. In einem Appartmenthaus geht ein Killer um – der Druide – der die Bewohner bestialisch ermordet. Und das genau ein Jahr, nachdem es einen anderen Mordfall in diesem Haus gegeben hat, der nie so richtig aufgeklärt wurde. Aber jeder im Haus scheint eine Mitschuld daran zu tragen. Zugegeben, der Blut- und Ekelfaktor ist ausgesprochen hoch und die Morde sind – sagen wir mal – sehr kreativ. Es lässt den Zuschauer allerdings trotzdem kalt, ist das Haus doch voller Unsympathen und alle schreien sich am Liebsten selbst gerne an. Von Hausgemeinschaft kann also keine Rede sein, von Sympathieträgern allerdings auch nicht, wenn man mal von den beiden Schülerinnen (Baraka Rahmani und Mercedes Morris) absieht, die wenigstens etwas aus dem tristen Einerlei heraus stehen. Hilft aber nichts, am Ende quält der Druide nicht nur die Hausbewohner, sondern in erster Linie die Zuschauer.

Unbelievable (Staffel 1 / 8 Folgen – Netflix) – 9 von 10

Die junge Marie (Kaitlyn Dever) behauptet, vergewaltigt worden zu sein. Da es keine Spuren gibt, schenken ihr die beiden zuständigen Ermittler wenig Glauben und bringen sie dazu, eine Falschaussage zuzugeben. Drei Jahre später ermittelt Detective Karen Duvall (Merrit Wever) in einem Vergewaltigungsfall. Ihrem Mann fällt auf, dass es einen Zusammenhang mit einer Vergewaltigung in einem anderen Zuständigkeitsbereich gibt. Sie tut sich mit ihrer dortigen Kollegin Grace Rasmussen (Toni Collette) zusammen und ermitteln von nun an im Team. Wow, ein starker Krimi-Stoff, der sich an einem realen Fall orientiert. Die spröde und unaufgeregte Inszenierung läßt die Abgründe der Taten noch stärker hervor treten. Gezeigt wird graue Polizeiarbeit, bei der Akten gewälzt und Daten analysiert werden. Es werden Spuren verfolgt, die ins Nichts führen, andere bringen sie nur ein Stückchen weiter. Wer auf Verfolgungsjagden und Schießereien steht, ist hier definitv falsch. Die Handlung springt dabei zwischen Marie und ihrem Schicksal nach der vermeintlichen Falschaussage und der Arbeit von Duvall und Rasmussen drei Jahre später hin und her. Die drei Hauptfiguren tragen die Handlung und werden von den Schauspielerinnen angenehm zurückhaltend zum Leben erweckt. Das ist spannend und erschütternd, nur manchmal leider etwas arg melodramatisch.

Der Dezember bringt Der Pass für alle Nicht-Sky-Kunden. Zu sehen ab dem 1. im ZDF mit einer dringenden Einschaltempfehlung von mir. Am 10. geht Silicon Valley auf Sky Atlantic in seine sechste und letzte Staffel. Arte zeigt ab dem 12. die Serie Vanity Fair. Für alle Prime Video Kunden gibt es ab dem 13. die mittlerweile schon vierte Staffel von The Expanse. Und pünktlich am 24. geht die zweite Staffel von Lost in Space auf Netflix online.

*** Wie geht’s dem KSC? ***

Bilanz: 4 Spiele, 5 Punkte.

Nach sieben Unentschieden in der Liga in Folge endete die Serie ausgerechnet im großen Derby gegen den VfB Stuttgart. Hier setzte es eine verdiente, wenn auch etwas zu hohe, 0:3 Niederlage. Es folgte das Heimspiel gegen Jahn Regensburg, bei dem ich seit über einem Jahr mal wieder im Karlsruher Wildpark war, und das den höchsten Heimsieg der Saison bescherte! Am Ende stand ein 4:1, incl. eines Traumtores von Philipp Hofmann. Sein Fallrückzieher war vielleicht der schönste Treffer, den ich je live im Stadion gesehen habe.

*** Musik ***

Besuchte Konzerte: 1 (The Regrettes). Gekaufte Konzerttickets: 2 (Gurr kurz vor Weihnachten, Dave Hause im Februar).

Von den Stereophonics gibt es mal wieder was neues. Ihr neues Album Kind ist relativ zurück haltend produziert und beinhaltet viele eher ruhige Sachen, so wie z.B. Fly Like An Eagel.

Auch von …And You Will Know Us By The Trail Of Dead gibt es ein Lebenszeichen. Als Vorbote des nächsten Albums, was Anfang des kommenden Jahres erscheinen soll, wurde nun Don’t Look Down veröffentlich. Bewährte hohe Qualität der Band!

*** Krieg und Frieden ***

Nach dem Ende des ersten Bandes habe ich erst einmal noch ein anderes Buch dazwischen geschoben, bevor es mit Band Zwei weiter geht. Daher gibt es hier nichts Neues.

*** Linktipps ***

Ein paar Lesetipps aus den Weiten des Internets:

Serie vs. Film – Der immerwährende Kampf?: Der Blog seriouslyAwesome hat sich den Unterschieden zwischen Serien- und Filmfans angenommen.

Über den Umgang mit Büchern: Der Bücher-Nerd Kaffeehaussitzer über seinen Umgang mit dem gedruckten Wort.

Ein Kurztripp in die Hauptstadt der slowenischen Alpen und Umgebung: Chrstine war das erste Mal in Slowenien und davon gleich sehr begeistert.

Warum Deutschland noch Bargeldland bleibt: Die Wirtschaftswoche mit einem interessanten Artikel zum Thema Bargeld- vs. Kartenzahlung und warum Deutschland da dem Wandel hinterher hinkt.

Ich habe es wieder getan: Und zwar einen Ausflug nach Moskau gemacht. Inch über ihre zwei Tage in der russischen Hauptstadt.

Die größten Irrtümer rund um Community Manager: Fried Phoenix über ihren Job in der Games-Branche.

*** Foodpic des Monats ***

Wenn man schon mal die Zeit hat für ein gemütliches Weißwurstfrühstück unter der Woche! Im Gasthaus Isarthor kann man dafür vormittags noch ein schönes Schnäppchen machen.

Und das war’s für diesen Monat. Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.

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The Regrettes live im Strom

Gestern war mal wieder ein Konzertabend angesetzt. Die jungen The Regrettes traten im Münchner Strom auf und zogen ein ausgesprochen junges und weibliches Publikum an. Wahrscheinlich kein Wunder, sind die Bandmitglieder doch selbst grade mal der Volljährigkeit entsprungen.

Die Stimmung in der Halle war ziemlich ausgelassen, gradezu euphorisch. Das begann schon, als Sängerin Lydia Night das erste Mal die Bühne betrat und viele der jungen Mädchen schon fast ausflippten. Ich möchte nur noch mal sagen, als ich das erste Mal auf einem Oasis-Konzert war und die Gallaghers raus kamen, war ich deutlich cooler! Aber zurück zum Thema. Mit California Friends ging es schon gut los und die Euphorie hielt auch bis zum Ende, die Texte wurden zielsicher mitgesungen, in der Mitte der Halle wurde ausgelassen mitgetanzt und -gehüpft, es gibt also doch noch eine Zukunft für handgemachte Musik von Rockbands.

Ich bin ja nach wie vor ein großer Fan ihres Debutalbums Feel Your Feelings Fool!, was aber leider nicht so ausführlich auf der Setlist auftauchte, immerhin war Lacy Loo mit dabei. Im Fokus stand ganz klar ihr aktuelles Werk How Do You Love?, was auch okay war, wenn man sich die Reaktionen im Publikum anschaute. Sicher hat es auch tolle Songs, ist aber etwas poppiger als das Debut. Wie auch immer, letztlich führte es dazu, dass mich ihr Auftritt als Support von den SWMRS vor einigen Jahren etwas mehr mitgerissen hatte. Der Großteil des Saals flippte aber auch dieses Mal aus, deshalb hat die Band alles richtig gemacht. Highlights waren aus meiner Sicht das schon angesprochene Lacy Loo, aber auch Stop And Go, More Than A Month und das ruhigere Coloring Book, bis dann Poor Boy schließlich die Zugabe beendete. Nach gut einer Stunde war das Konzert durch.


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Lew Tolstoi – Krieg und Frieden (Band I, 1868)

Krieg und Frieden von Lew Nikolajewitsch Tolstoi gilt als eines der größten Werke der Weltliteratur. Und wahrscheinlich auch als eines der umfangreichsten. Die finale Ausgabe, die Tolstoi vor ziemlich genau 150 Jahren fertig gestellt hat, umfasst insgesamt vier Bücher und einen Epilog. In der mir vorliegenden Ausgabe (die deutsche Übersetzung von Barbara Conrad von 2010) sind diese Bücher auf zwei Bände aufgeteilt, die zusammen etwas mehr als 2.000 Seiten stark sind. Band 1 mit den ersten beiden Büchern habe ich nun geschafft, Zeit für die erste Rezension.

Erstes Buch

Juli 1805. Russland bereitet sich auf den Krieg gegen Napoleon vor und beruft die jungen Männer zum Heer ein. Das Thema überschattet die vielen Empfänge des Adels, die in Saus und Braus leben und damit im starken Kontrast zum entbehrungsreichen Leben an der Front. Der Krieg läuft allerdings schlecht, die Franzosen rücken immer weiter vor und die Kriegslust der Russen schwindet, je realer der Krieg für sie wird.

Das erste Buch wusste sehr zu überzeugen. Der Wechsel zwischen dem Leben und den Problemchen des russischen Adels mit ihrer Kriegseuphorie auf der einen Seite und der russischen Kriegsfront mit seiner brutalen Realität auf der anderen Seite, das sitzt. Wie leicht es ist, aus einer priviligierten Situation die großen Themen zu diskutieren, die das Leben anderer betrifft. Und merkt man dem Adel ihre First World Problems mehr als deutlich an, diese gab es anscheinend schon damals. Auf der anderen Seite das gemeine Fußvolk, dass euphorisch in den Krieg zieht und den großen Zar bewundert, bis es merkt, dass die harte Realität an der Front alles andere als glamourös und heldenhaft ist. Als hier der junge Nikolai in seine erste Schlacht zieht und verwundet und desilussioniert zurück kehrt, das bleibt schon hängen.

Zweites Buch

Nach der Niederlage in Austerlitz, für die man vor allem den Verbündeten aus Österreich die Schuld gibt, befinden sich die Offiziere für ein Jahr auf Heimaturlaub, wo das gesellschaftliche Leben wieder zurück zur Normalität findet. Eine der Hauptfiguren ist Pierre, der in ein Duell auf Leben und Tod hinein gerät und sich wenig später dann den Freimaurern anschließt. Außerdem verfolgen wir die junge Natascha, die in die feine Gesellschaft eingeführt wird und sich dabei Hals über Kopf verliebt. Mehrfach. Währenddessen muss sich die Armee mit enormen Versorgungsproblemen abfinden.

Der zweite Teil gefiel mir nicht ganz so gut wie der erste, was vor allem an der geänderten Gewichtung lag. Es ging sehr viel mehr um die persönlichen Liebesdramen der Adelsfamilien, auch der Ausflug zu den Freimaurern nimmt einiges an Platz ein. Zwar ist es ganz interessant zu lesen, wie Pierre daraufhin versucht, an seinen geerbten Besitztümern alles zum Wohle seiner Bediensteten und der einfachen Leute zu verändern (und scheitert, weil gut gemeint dann doch was anderes als gut gemacht ist), aber so richtig wollte das für mich nicht in den Roman passen. Dagegen fallen die Szenen an der Front bzw. im Heer etwas kürzer aus, so ist es wohl in Friedenszeiten. Sie sind aber nach wie vor recht eindrücklich, wenn es darum geht, die Verpflegungssituation zu verbessern oder wie das Heer auf das neue Abkommen zwischen ihrem Zaren und den Franzosen reagiert. Insgesamt tut es dem zweiten Buch aber ganz gut, sich auf wenigere zentrale Figuren zu konzentrieren, während es bei den Nebenfiguren nach wie vor schwierig ist, den Überblick zu behalten.

Wikipedia spricht bei Krieg und Frieden von einem Historiengemälde und das kann ich nach ungefähr der Hälfte des Werkes nachvollziehen. Es ist eine Verknüpfung von historisch korrekten Geschehnissen mit fiktiven Figuren und Handlungen, was letztlich dazu führt, die russische Feudalgesellschaft sowie das Leben an der Front in vielen Facetten abzubilden. Leider fehlt mir bisher noch etwas der Blick aus der Sicht der einfachen Leute und der Bediensteten, um das Gesamtbild abzurunden. Beide Teile ließen sich sehr flüssig lesen, die Neu-Übersetzung ist hier definitv gelungen und lässt den Werk in frischem Licht erstrahlen. Man hat nie den Eindruck, eine 150 Jahre alte Geschichte zu lesen. Im Gegenteil, manchmal ist man wirklich überrascht, wenn einen Pferdekutschen und Etikette daran erinnern, dass das in einer vergangene Epoche spielt. Die großen Themen bleiben halt einfach aktuell.

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