Im Auftrag der Demokratie: Zählen für die gute Sache

Aufgewachsen bin ich in Hessen. Es waren die 1990er und die politische Landschaft damals noch eine andere. Im Gymasium erzählte uns mein alter GK-Lehrer, der immer für eine gute Geschichte zu haben war, dass drüben im fernen Bayern die Stifte in den Wahlkabinen so knapp angebunden wären, dass sie nur bis zum obersten Eintrag auf dem Wahlzettel reichen würden, nämlich nur bis zur CSU. Daran musste ich denken, als ich nun Anfang März in München selbst die Stifte in den Wahlkabinen anbringen musste. Ich war nämlich als Wahlhelfer im Einsatz und kann jetzt bestätigen: Diese alte Geschichte stimmt so nicht.

Anfang des Jahres hatte ich mich als Wahlhelfer bei der Stadt München registrieren lassen, nach dem diese auf Social Media kräftig dafür getrommelt hatte. Immerhin standen bei der Kommunalwahl gleich drei getrennte Wahlen an: Oberbürgermeisteramt, Stadtrat und Bezirksausschuss waren ausgeschrieben, da brauchte es für die Durchführung der Wahl genügend Leute. Wenig später erhielt ich meinen Bescheid mit Einsatzort (bei mir im Viertel), verknüpft mit der Bitte, vorab noch eine Schulung mitzumachen, um auf die komplizierte Auszählung dieser Wahl vorbereitet zu sein.

Der Wahltag

Am 8. März wurde es dann erst. Pünktlich um 7:00 Uhr erschien ich bei der angegebenen Schule, wo sich mein Wahllokal befand, und wo ich normalweise auch selbst immer wähle. Zusammem mit den anderen Wahlhelfenden und den Vorsitzenden ging es los mit dem Aufbau des Wahllokals. Acht Wahlkabinen mussten eingerichtet werden (incl. dem Anbringen der Stifte) – was wegen der riesigen Wahlzettel nicht so leicht war  – , überschüssige Möbel aus dem Klassenraum entfernt werden, Beschilderung angebracht und Musterwahlzettel aufgehängt werden. Und dann konnte es pünktlich um 08:00 Uhr losgehen. Die ersten Wählenden waren tatsächlich auch schon gleich da.

Ich hatte die Frühschicht übernommen und blieb bis um 13:00 Uhr im Wahllokal, um mit den anderen den reibungslosen Ablauf sicherzustellen. Klingt hochtrabender als es war, letztlich habe ich den Einwurfschlitz für die drei Wahlurnen frei gemacht, sobald bestätigt war, dass der/die Wählende bei uns im richtigen Wahllokal war und noch nicht gewählt hatte. Während der gesamten Schicht waren die acht Wahlkabinen nur zweimal komplett belegt, so dass manche warten mussten: Nach dem Ende des Gottesdienstes und um kurz vor 12:00 Uhr. Sonst verteilte sich der Andrang gut. Im Laufe der Frühschicht hatten wir insgesamt ca. 130 Wählende im provisorischen Wahllokal begrüßt.

Die Auswertung

Pünktlich zur Auswertung war ich um kurz vor 18:00 Uhr wieder zurück. Das Wahllokal schloss, kurzes Aufräumen, eine große Tischfläche in der Mitte des Raumes errichten und dann ging es mit der Auszählung los. Die Auszählung ist prinzipiell öffentlich, Beobachtende hatten wir jedoch nicht. Im Laufe des Tages waren in unserem Stimmbezirk ca. 310 Stimmzettel ausgefüllt worden. Das klingt nicht nach viel, sollte unserem zehnköpfigen Team bei der Auswertung aber trotzdem sehr viele Stunden kosten.

Los ging die Auszählung mit der Wahl der Besetzung des Oberbürgermeisteramtes. Diese war noch relativ einfach. Stimmte die Anzahl der eingeworfenen Wahlzettel mit der Anzahl der Wählenden überein? Tat sie. Sind alle Wahlzettel gültig und keine leeren Wahlzettel darunter? Ja und nein. Dann Stapel bilden, für jede der 13 Parteien einen, Wahlzettel ablegen, durchzählen. Einer zu wenig? Oha! Nochmal durchzählen. Jetzt stimmte es, Wahlergebnis ins System eintragen, fertig. Kurz nach 19:00 Uhr war die Auszählung durch, wenig später gab es die ersten Hochrechnungen für die Stadt und es bestätigte sich, was wir auch in unserem Stimmbezirk gesehen hatten: Eine Stichwahl würde nötig werden.

Weiter ging es mit der Auszählung der Wahl, vor der wir alle den größten Respekt hatten: Die Wahl des Münchener Stadtrates, mit 80 Stimmen pro Wählendem oder Wählender. Der Stimmzettel war exakt 148 mal 60 Zentimeter groß und passte aufgefaltet nicht in die errichteten Wahlkabinen. Im Rahmen der Auszählung mussten wir die Zettel mehrfach wieder auf- zu- und umfalten. Eine anspruchsvolle Wahl für die Wählenden. Es gab einige Stimmzettel, bei denen wir diskutieren mussten, ob sie ungültig, weil falsch ausgefüllt waren oder ob der Wille des Wählenden noch erkennbar war, um die Stimmen zu retten. An diesem Abend konnten wir zumindest noch die Stimmzettel auszählen, auf denen nur eine Listenstimme vergeben war. Da war es bereits 21:15, der Rest musste auf den nächsten Tag warten.

Am Montag ging es um 08:00 weiter und wir fanden uns wieder in unserem Wahllokal ein. Mit frischem Blick galt es nun, die weiteren Stimmzettel auszuzählen, also diejenigen, die eine Mischung zwischen Listenstimme und Stimmen für einzelne Kandidaten und Kandidatinnen abgegeben hatten. Dazu mussten zunächst per Hand die noch übrigen Listenstimmen auf die Nominierten der jeweiligen Partei verteilt werden. Wir machten also das, was der Wählende durch die Listenstimme abgekürzt hatte. Anschließend wurden sämtliche Stimmen per Hand gezählt und in vorbereitete Zählzettel eingetragen. Für die ganz komplizierten Wahlzettel wurde am Ende eine Art Lesung abgehalten. Kandidat 101: 2 Stimmen. 102: 2 Stimmen. 201: 1 Stimme. 305: 1 Stimme. Und so weiter und so fort. Bis dann alle Stimmen gezählt und in die Zählzettel eingetragen waren und endlich ins System eingegeben werden konnten. Die ganze Systematik war aufwändig und prädestiniert für Flüchtigkeitsfehler. Man selbst registrierte irgendwann gar nicht mehr, welche Partei nun welche Stimmen bekamen, es bestand alles nur noch aus Zahlen, Strichen und Kreuzen. Zumindest ich hätte nicht sagen können, wie die Wahl in unserem Stimmbezirk ausgegangen ist. Es verschwamm alles in der abstrakten Bürokratie.

Die Arbeit war damit aber noch nicht getan. Die Auszählung der Bezirksausschusswahl stand noch aus. Gleiches Prozedere wie bei der Wahl des Stadtrates, nur mit vergleichsweise wenigen 44 Stimmen und mit deutlich leichter zu handhabenden Stimmzettel. Zusammen mit den Erfahrungen aus der vorherigen Wahl ging uns diese Auszählung nun deutlich leichter von der Hand. Um kurz nach 14 Uhr war alles durch. Danach galt es noch, den Klassenraum wieder halbwegs in seiner Grund-Zustand zu versetzen und dann war endlich Schluß.

Das Fazit

Unter Strich eine spannende Sache, die ich wohl auch wieder machen würde. Allerdings ist es aufwändiger als es aussieht. Und ich war wirklich überrascht, dass die gesamte Auszählung immer noch eine rein manuelle Arbeit war, ohne jede technische Unterstützung. Lediglich die Übermittlung an die Stadt war dann digital. So war unheimlich viel Papier nötig, sehr viel Arbeitskraft und Konzentration und eine ganz andere Art von Arbeit als in meinem Schreibtischjob, wo ich mir die Zeit ja mehr oder weniger frei einteilen kann.

Insgesamt waren bei der Kommunalwahl ca. 14.000 Wahlhelfende in München im Einsatz. Wir, die Beisitzer, bekammen jeweils 130€ als Aufwandsentschädigung für diese Arbeit und wurden am Montag beim Arbeitgeber freigestellt. Die Wahlvorsteher und Schriftführer bekamen noch etwas mehr. Der Papierverbrauch dürfte ernom gewesen sein, die logistische Leistung auch nicht zu unterschätzen. Ein riesiger Aufwand, um die Demokratie auf dieser niedrigen Ebene am Laufen zu halten.

Am Sonntag geht es mit der Stichwahl zum Oberbürgermeister noch einmal in etwas kleinerem Rahmen weiter.

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