Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee

Wenn ich sage, dass Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee ein Buchtitel ist, werden einige Nerds vermutlich denken, dass die deutsche Übersetzung sich da mal wieder einen ganzen schönen Lapsus geleistet hast. Der Tag der toten Ente läßt grüßen. Nun ist das tatsächlich ein Buchtitel, der Autor jedoch der deutsche Musikkritiker Eric Pfeil, so dass man ihm wohl selbst diesen völlig nichts sagenden und wenig neugierig machenden Titel ankreiden muss. Der Untertitel Die Pop-Tagebücher dagegen ist für das Buch wesentlich treffender und interessanter. Und steht in seiner Schlichtheit wohl unbeabischtigt auch noch in der Tradition der großen Grisham Romane.

Warum ich ein Café mit gruselerregender Musik zu meinem Stamm-Laden erwählt habe? Wegen des Kaffees und wegen der schönen großen Fenster. Dass ich die schlimme Musik für den guten Kaffee in Kauf nehme, beruhigt mich etwas, da es mir als Indiz dafür zu taugen scheint, dass ich mich über das Niveau einer Nick Hornby-Romanfigur emporgeschwungen habe und die Qualität von Musik nicht das Hauptkriterium meines Daseins geworden ist. (S. 202)

Angefixt durch einen kurzen Ausschnitt im Musikexpress wurde das Buch meine Reisebegleitung auf der InterRail-Tour. Es ist das Tagebuch von Eric Pfeil, das pünktlich an seinem 38. Geburtstag einsetzt und sein Leben beschreibt bis wenige Tage nach den Eintritt in sein nächstes Lebensjahrzehnt. Pfeils Beruf ist der des Musikkritikers, ein freier Autor, dementsprechend liegt der Fokus seiner Aufzeichnung auf den Gedanken zum Thema Popmusik. Man erfährt einiges über die Arbeitsweise seines Berufsstandes, erhält Beschreibungen und Einschätzungen seiner besuchten Konzerte, sowie Notizen zu seinen geführten Interviews und seines musikalischen Werdeganges.

Das alles beschreibt Pfeil in einer äußerst leb- und bildhaften Sprache, seine Eindrücke über Musik kann er so wunderbar transportieren (ein Umstand, der mich etwas neidisch macht, da ich mir regelmäßig schwer tue, Musik zu beschreiben). Man muss seine Vorlieben für Musik nicht teilen, um mit Interesse dran zu bleiben, was ganz eindeutig für ihn und seinen Schreibstil spricht. Mich hat er so zum Kauf des letzten Jarvis Cocker-Albums getrieben.

Heute sieht Cocker im Grunde immer noch aus wie eine Mischung aus sexsüchtigem Galeristen und französischer Romanautorin, nur trägt er inzwischen noch einen Bart, den er sich auf einer ganz und gar unironischen Reise mit zahlreichen anderen Künstlern und Wissenschaftlern nach West-Grönland hat wachsen lassen. (S. 301)

Nimmt in der ersten Hälfte des Buches die Beschreibung seiner Lieblingskünstler teilweise etwas überhand, wenn er von Singer/Songwriter zu Singer/Songwriter springt, wird es in der zweiten Hälfte dann noch einmal deutlich abwechslungsreicher, wenn er vermehrt auf seinen quasi Sidekick Stietenroth verweist oder das Heranwachsen seines ziellosen Neffens beschreibt.

Gestern wurde ich beim Emporsteigen einer U-Bahn-Treppe von einem schon recht betagten Obdachlosen überholt. Ich kann mich nicht erinnern, je eine erniedrigendere Erfahrung gemacht zu haben – mal abgesehen von dem Tag, an dem ich etwa zehnjährig bei meiner Mutter im Schrank den Ratgeber “Hilfe, mein Kind wird zu dick” entdeckte. (S. 116)

Was dem Buch jedoch gut getan hätte, das wäre ein roter Faden gewesen. Denkt man an Tagebücher in der Literatur, kommt einem ja sofort der Werther in den Sinn. Nun, damit hat dieses Tagebuch nichts zu tun. Während der Werther ja durchdesigned ist mit klarer Story, weil erfunden, ist dieses Buch eher eine Sammlung von Blog-Artikeln. Konsequenterweise startete er kurz vor der Deadline des Buches dann tatsächlich auch noch einen Blog.

Jetzt blogge ich auch noch. Und das auch noch umsonst. [...] Hätte sich meine Oma vor Jahren zu mir hinaufgebeugt und gesagt: “Junge, sei nicht so eitel, auch du wirst eines Tages bloggen” – ich hätte sie vermutlich auf eine Runde gemeinsames Lachen eingeladen. [...] “Ach komm, halb so wild”, sagt Stietenroth. “Hank Moody bloggt auch” und spielt damit auf unseren derzeitigen Lieblingsserienstar an, einen sexsüchtigen abgehalfterten L.A.-Schreiber, der vom sexsüchtigen, abgehalfterten David Duchovny gegeben wird. (S. 268)

So sind seine Pop-Tagebücher einfach dann beendet, wenn Pfeil sie für beendet erklärt, weil der Drucktermin ruft. Der Zufall will es, dass dieser Termin mit der Auflösung von Oasis zusammen fällt, einem Umstand, der mir persönlich ja als Höhepunkt und Ende eines Buches angemessen erscheint, aber ich glaube nicht, dass er sich das dabei gedacht hat. Und damit endet das Buch so, wie (fast) jedes Oasis-Konzert endet: Mit I am the walrus von den Beatles.

Ich bin der Eiermann. Ich bin das Walross, goo goo g’joob! (S. 362)

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2 Responses to Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee

  1. Jana says:

    Ist Eric Pfeil nicht auch der Vater des Kindes von Charlotte Roche!?

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